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Hirschberger Stadtroute · die kleine Route

Cyprian Kamil Norwid Theater

Dieses Gebäude gibt es, weil sieben Bürger fanden, eine Stadt ohne Theater sei unvollständig – und ihre Nachbarn um Geld baten. Sie sammelten mehr als nötig. Hundertzwanzig Jahre später spielt das Haus an der aleja Wojska Polskiego immer noch, und einmal im Jahr schickt es seine Schauspieler hinaus auf die Straßen und Plätze der Innenstadt. Unterwegs ist ihm etwas zugestoßen, das auf keiner Tafel steht: die ersten Kostüme des polnischen Ensembles kamen aus der Berliner Oper – und nicht durch Kauf.

Sieben Bürger und 313 Tausend Mark

Der Erste, der sagte, Hirschberg brauche ein Theater, war Bürgermeister Arthur Hartung. Es wäre wohl beim Reden geblieben, hätten nicht sieben Einwohner 1901 im Magistrat eine Denkschrift für den Bau eines Theater- und Versammlungshauses eingereicht und Stadt wie Umland um finanzielle Unterstützung gebeten. Etwa dreihunderttausend Mark wurden veranschlagt. Ende 1904 lagen auf dem Konto dreihundertdreizehntausend. Das Ganze kostete samt Ausstattung knapp vierhunderttausend.

Bei dieser Zahl lohnt es innezuhalten, denn sie sagt etwas über die Stadt: das Haus wurde nicht von der Obrigkeit geschenkt und nicht von einem Reichen gestiftet. Die Einwohner legten zusammen, in den Jahren der größten Vorkriegs- prosperität, als in Hirschberg etwa ein Drittel aller heute erhaltenen Bürgerhäuser und öffentlichen Bauten entstand.

Kunst- und Vereinshaus, nicht nur eine Bühne

Der Bau begann im Mai 1903, ausgeführt von der Firma der Gebrüder Albert, fertig war er zur Wende 1904/1905. Die feierliche Weihe fand am 6. Oktober 1904 statt.

Der Name sagte offen, was es werden sollte: Kunst- und Vereinshaus. Neben dem Zuschauerraum gab es Restaurations- und Ausstellungsräume sowie eine Bierstube. Es war Kulturhaus und Geselligkeitsklub in einem, mit dem Theater als einer Funktion – erst mit der Zeit blieb der Name Stadttheater an ihm haften. Daran sollte man denken, denn es erklärt die Raumordnung: das Haus sollte von Anfang an Menschen in mehrere Richtungen zugleich führen.

Die Bühne misst 10,5 mal 17 Meter, die Bühnenöffnung 6 Meter Höhe bei 10,5 Metern Breite. Der Zuschauerraum fasste ursprünglich 671 Plätze: 337 im Parkett sowie 162 und 69 auf zwei Rängen. Nach 1933 kamen Stühle hinzu, es waren 708.

Hirschberger Jugendstil – was man vom Gehweg sieht

Den Entwurf erarbeitete der Bildhauer und Architekt Alfred Daehmel, und das Ergebnis beschreibt man heute als Beispiel des „Hirschberger Jugendstils“ – einer örtlichen Spielart, die hier ruhiger ausfällt als in Wien oder Łódź.

Wer der Fassade gegenübersteht, achte auf drei Dinge. Erstens die Bögen: Türen und Fenster haben keine scharfen Ecken, alles ist weich gerundet. Zweitens den Stuck – Blumenmotive, die typische Jugendstilvegetation. Drittens die Masken, voller Anspielungen auf antike Plastik; sie geben der Fassade den theatralischen Ton, noch bevor man eintritt.

Wer bei einer Vorstellung hineinkommt, findet dasselbe Prinzip der Rundung in den Durchgängen und Rängen wieder, die den Saal zu umfließen scheinen. Das ist kein Schachtelbau mit aufgeklebtem Ornament – hier sprechen Form und Dekor dieselbe Sprache.

Kostüme aus der Berliner Oper

Das Interessanteste geschah diesem Haus 1945 und steht auf keiner Tafel. Im Krieg lagerten hier die Kostüme der Berliner Oper. Als ein polnisches Schauspielensemble in die Stadt kam, wurden diese Kostüme samt Dekorationen zu seiner ersten technischen Ausstattung. Das polnische Theater in Hirschberg begann also in fremden – und keineswegs beliebigen – Gewändern.

Die erste Vorstellung war „Die Rache“ von Aleksander Fredro, gespielt am 23. August 1945 in der Regie von Stefania Domańska. Die offizielle Eröffnung, schon als Woiwodschaftstheater, folgte am 26. Oktober. Das Tempo jener Monate ist heute schwer zu fassen: zwischen August 1945 und Mai 1946 entstanden vierzehn Premieren. 1950 wurde das Theater als Staatliches Niederschlesisches Theater verstaatlicht, den Namen Cyprian Kamil Norwids trägt es seit 1974.

Ein Theater, das auf die Straße geht

Über diese Bühne gingen Adam Hanuszkiewicz, Kazimierz Dejmek, Krystian Lupa und Henryk Tomaszewski. 1976 fuhr das Ensemble mit Molières „Don Juan“ nach Lateinamerika und brachte einen Preis aus Caracas mit.

Für die Stadt wurde jedoch etwas anderes wichtiger. Seit 1968 finden hier die Hirschberger Theatertreffen statt, und 1983 rief die Theaterdirektorin Alina Obidniak das Internationale Straßentheaterfestival ins Leben – heute trägt es ihren Namen und ist das älteste Straßentheaterfestival Polens. Es findet jedes Jahr im Juli statt. Seither verwandeln sich im Sommer der Rathausplatz und die Hauptstraßen der Innenstadt in eine Bühne – und das ist der Moment, in dem das Theater aufhört, ein Gebäude zu sein, und zu etwas wird, in das man auf dem Weg zum Bäcker zufällig hineinläuft.

Der Umbau, der einen Vorhang zurückbrachte

Zwischen 2017 und 2019 wurde das Haus umfassend umgebaut: Sanierung der Decken, neue Fenster und Türen, neue Böden und technische Stege im Bühnenturm, Konservierung historischer Elemente, neue Beleuchtung, Beschallung und Bühnentechnik. Den Entwurf lieferte das Büro von Cezary Furmanek aus Łódź, die Arbeiten führte Castellum aus Breslau aus.

Zwei Dinge lohnen sich zu merken. Das erste ist praktisch: das Gebäude bekam einen Aufzug und einen für Menschen mit Behinderungen eingerichteten Zuschauerraum, das Denkmal schließt also niemanden mehr aus. Das zweite ist etwas für Theaterkenner: eingebaut wurde ein Wagner-Vorhang, eine in polnischen Theatern sehr seltene Lösung – statt zu steigen oder zur Seite zu fahren, öffnet er sich schräg, mit zwei nach oben gehobenen Flügeln.

Die gesamte Investition kostete 15 893 850,79 Zloty, davon 4 910 371,35 aus europäischen Mitteln und 10 983 479,44 aus dem Stadthaushalt. Auf die Bühne zurück ging es am 28. September 2019 mit Fredros „Damen und Husaren“ – wieder Fredro, wie 1945.

Was man sehen kann

Das Gebäude steht seit dem 4. April 1980 unter Denkmalschutz. Von außen kann man es zu jeder Stunde betrachten, und die Fassade ist hier der Hauptgang. Das Innere besichtigt man auf natürlichem Weg: mit einer Eintrittskarte. Wer im Hochsommer in die Stadt kommt, prüfe den Termin des Straßentheaterfestivals – den besten Blick auf dieses Theater hat man dann nicht vom Sessel, sondern von der Rathaustreppe.

Häufige Fragen

Kann man außerhalb der Vorstellungen hinein? Das Haus wird nicht wie ein Museum zur Besichtigung geöffnet. Den Innenraum sieht man bei einer Vorstellung – und dann lohnt es sich, früher zu kommen, um Foyer und Treppenhäuser anzuschauen.

Wer hat das Theater entworfen? Alfred Daehmel, Bildhauer und Architekt. Der Bau nach seinem Entwurf begann im Mai 1903, geweiht wurde das Haus am 6. Oktober 1904; die Ausbauarbeiten zogen sich bis Anfang 1905. Das Gebäude gilt als Beispiel des sogenannten Hirschberger Jugendstils.

Warum „Hirschberger Jugendstil“? So nennt man die örtliche Spielart des Stils, die in der Stadt an mehreren Bauten vom Beginn des 20. Jahrhunderts zu sehen ist: weich gerundete Öffnungen, Blumenstuck und Masken nach antikem Vorbild, insgesamt zurückhaltender als der Wiener Jugendstil.

Was ist ein Wagner-Vorhang? Ein Vorhang, der sich schräg öffnet, mit zwei nach oben gehobenen Flügeln, statt klassisch zu steigen oder zur Seite zu fahren. In polnischen Theatern kommt er sehr selten vor; in Hirschberg kam er mit dem 2019 abgeschlossenen Umbau.

Wann wurde hier die erste polnische Vorstellung gespielt? Am 23. August 1945 – Fredros „Die Rache“ in der Regie von Stefania Domańska, in den Kostümen, die die Berliner Oper im Gebäude zurückgelassen hatte.

Was in der Nähe liegt

Das Theater ist die zehnte Station des Weges und steht bereits außerhalb der Altstadt, an der aleja Wojska Polskiego. Zurück Richtung Zentrum gelangt man zum Rathausplatz – jener Bühne, die dieses Theater jeden Juli einnimmt. In der anderen Richtung, zehn Minuten entfernt, liegt das Riesengebirgsmuseum, die nächste Station, und dahinter der Untergrund Time Gates.

Ein Faden für einen eigenen Ausflug: 1995 fand in diesem Theater eine Tagung zu Ehren Gerhart Hauptmanns statt – des Nobelpreisträgers, dessen Haus in Agnetendorf den großen Rundweg beschließt.

Direkt vor dem Theater steht das Hirschchen Teatralny – dreißig Meter vom Eingang. Näher zum Zentrum stehen noch Freblusie und Wiolinek.