Hirschberger Stadtroute · die kleine Route
Rathaus und Rathausplatz
Dieses Rathaus steht, weil das vorige einstürzte. Am 28. Februar 1739 genügte eine kräftige Bö: die Mauern eines jahrzehntelang vernachlässigten Turms fielen, beschädigten das Gebäude und begruben mehrere Menschen. An den Wiederaufbau ging die Stadt erst, als das Militär es ihr befahl. Heute steht der Bau mit Uhren und vergoldetem Adler auf der Spitze mitten auf dem Platz, und am Eingang wacht das Hirschchen Rajcuś, das zweite des Hirschchen-Pfades.
Bevor dieses Rathaus stand
Hirschberg erhielt in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts das Stadtrecht und wurde nach Magdeburger Recht vermessen: zuerst der Ring, dann rechtwinklige Straßen und Quartiere, die die Bürger Parzelle für Parzelle bebauten. Das erste Rathaus war wohl hölzern und entstand kurz nach der Gründung – man weiß nicht einmal, in welchem Teil des Rings.
Ein gemauertes kam um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert. Gründe gab es mehrere: häufige Brände, die gescheiterte Belagerung durch die Hussiten 1427, vor allem aber etwas sehr Praktisches. 1433 erhielten die Bürger die Erlaubnis, die Burg auf dem heutigen Wzgórze Krzywoustego abzutragen, und das bedeutete plötzlich reichlich fertigen Stein. Die Burg wanderte in die Stadtmauer und in Gebäude, darunter das Rathaus. Wer also den kleinen Rundweg vom Turm Grzybek herunter geht, folgt genau dem Weg, den vor Jahrhunderten das Baumaterial nahm.
Ein Turm, der zweimal brannte
Die Geschichte dieses Ortes ist im Grunde die Geschichte eines Turms und immer neuer Versuche, ihn zu retten.
1549 verzehrte ein großer Brand die ganze Stadt und mit ihr den Rathausturm; das Feuer brannte die hölzernen Konstruktionen im Inneren aus und schwächte die Mauern. Aufgebaut wurde er erst einundzwanzig Jahre später, 1570. Ein Vierteljahrhundert danach, 1594, setzte man eine Uhr auf und hängte eine Stundenglocke ein. Als 1599 der Blitz einschlug, blieb es ohne Schaden, und 1604 wurde repariert.
Der Dreißigjährige Krieg änderte alles. Im Oktober 1632 plünderte ein Trupp Marodeure das Rathaus, und am 19. Juli 1634 brannte das Gebäude samt den darin verwahrten Dokumenten. Erhalten blieb nur der Teil des Archivs, den man vorsorglich auf die Burg Kynast gebracht hatte. Der Turm brannte zum zweiten Mal aus, und sechs Jahre später schwächten Kanonenkugeln beim Beschuss der Stadt seine Mauern weiter.
Sechsunddreißig Jahre Reparatur und ein Turm ohne Dach
Nach dem Krieg machte sich die Stadt an die Instandsetzung und blieb von 1650 bis 1686 dabei – sechsunddreißig Jahre. Entscheidend war jedoch ein Detail: der Turm blieb wahrscheinlich ohne Dach. Jahrzehntelang stand er offen für Regen, Schnee und Frost, und das Wasser tat seine Arbeit in Fugen und Mauerwerk. 1720 sicherte man die beschädigte Konstruktion teilweise, ein Wiederaufbau war das nicht.
Die Rechnung kam am 28. Februar 1739. Eine kräftige Bö genügte: die Turmmauern stürzten ein, beschädigten das Rathaus und begruben mehrere Menschen. Ein Jahr später, als preußische Truppen nach Schlesien einrückten, lag mitten auf dem Ring noch immer ein Trümmerhaufen.
Wiederaufbau auf Befehl des Militärs
Die Stadt hatte es nicht eilig – es war Krieg, und Geld fehlte. Erst 1742 wies das Militärkommando in Glogau die Obrigkeit an, den Schutt zu räumen und einen Neubau zu errichten. Die Arbeiten begannen ein Jahr darauf unter der Aufsicht von Dames, den Entwurf übernahm der Generalbaudirektor Christoph Gottlieb Hedemann.
Zum Abräumen wurden fünfzig Personen aus den Dörfern der Stadt und vierzehn Maurer angestellt, deren Aufgabe es war, alles wiederzugewinnen, was sich erneut verwenden ließ. Ein Teil des alten Rathauses ging so in den Neubau über – in den Kellern haben sich seine Reste erhalten.
Der Grundstein wurde am 14. Juni 1744 an der Ostecke gelegt, in Anwesenheit der Ratsherren, des königlichen Kriegsrats Christoph von Masori, des Direktors Hedemann, der Maurermeister Jentsch und Effner sowie des Zimmermeisters Weidde. Während der ganzen Bauzeit versah das Haus Nummer 33 am Ring, Eigentum des Bürgermeisters, die Aufgaben des Rathauses.
1747 stand der Rohbau. Die Reihenfolge der Ereignisse dieses Jahres sagt einiges über die Prioritäten: am 14. Mai öffnete die Schankwirtschaft im Keller, am 29. Juli wurde das Turmdach mit Kugel und Spitze samt preußischem Adler bekrönt – und erst am 25. September fand die Weihe statt.
Der Henker an der Spitze des Zuges
Die Eröffnung am 25. September 1747 ist in den Chroniken so genau beschrieben, dass sie sich Schritt für Schritt nachvollziehen lässt. Die Feierlichkeiten begannen um acht Uhr früh im Haus des Bürgermeisters. Eine Stunde später formierte sich ein Zug, der zum Ring ging.
An seiner Spitze schritt der Henker Kühn mit einem Schwert, begleitet von drei Gehilfen. Hinter ihm der Marktvogt Sturm, ebenfalls mit Schwert und mit zwei Gehilfen. Erst danach folgten der Bürgermeister, die Ratsherren zu dritt, die Richter, der Kämmerer und die städtischen Beamten, unter ihnen der Medicus Süssenbach. Für eine Stadt des 17. und 18. Jahrhunderts war das ganz selbstverständlich: der Henker war städtischer Bediensteter und das Schwert ein Werkzeug des Rechts, nicht des Grauens.
Die bei solchen Zügen getragenen Schwerter – ein Richt- und ein Richterschwert – gehörten der Stadt; nach dem Ende öffentlicher Hinrichtungen kamen sie in die Rathauskammer und von dort um 1914 ins Riesengebirgsmuseum. In dessen Sammlung liegen heute zwei Richtschwerter und ein Richterschwert; welche davon an jenem Tag getragen wurden, weiß man nicht.
Den Rest des Tages füllten Trompeten, Trommeln, Schüsse und Reden, am Nachmittag ein Essen mit Trinksprüchen und Kanonensalven. Das Rathaus wurde mit Girlanden geschmückt, in die Fenster kamen Bilder mit preußischen Adlern und dem Stadtwappen, und abends beleuchtete man die Wände mit Lampions, sechs Lampen in jedem freien Fenster.
Uhr und Turmsignal
Die Ausbauarbeiten zogen sich noch zwei Jahre. Die Turmuhr lief am 13. November 1750 pünktlich zu Mittag an, und ab dem 16. November erklang stündlich vom Turm ein auf der Trompete geblasenes Signal. Unter der Traufe hingen Tafeln mit lateinischen Inschriften zum Lob des preußischen Königs, und 1796 – nach zwei Bränden und einem Blitzschlag in der Geschichte dieses Ortes – kam endlich ein Blitzableiter.
Die Sieben Häuser
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, um 1910, kaufte die Stadt die östlich angrenzenden Häuser, bekannt als die Sieben Häuser, und schloss sie ans Rathaus an – erwähnt schon im 14. Jahrhundert, vormals mit Apotheke, Küche und Brotbänken. Weil zwischen ihnen und dem Rathaus die Straßenbahn fuhr, verband man die Gebäude mit einem überdachten Übergang in Höhe des ersten Obergeschosses.
Deshalb hört die Baumasse hier auf, symmetrisch zu sein, und deshalb hat der Platz seine charakteristischen Lauben. Die Laubenhäuser sind heute eine der meistfotografierten Ansichten der Stadt und der beste Beweis, dass der Ring keine Kulisse ist, sondern ein Organismus, der über Jahrhunderte zusammenwuchs.
Neptun mitten auf dem Platz
Wenige Schritte vom Eingang steht der Neptunbrunnen. Die Figur schuf um 1730 der Hirschberger Bildhauer Joseph Anton Bechert im Auftrag eines Kaufmanns, der im Überseehandel reich geworden war – ursprünglich zierte sie einen Landsitz vor der Stadt. Auf den Ring kam sie nach 1828 und trat an die Stelle des alten Stadtbrunnens.
Ein Meeresgott mitten in einer Gebirgsstadt ist kein Irrtum, sondern eine Prahlerei: über das in diesen Tälern gewebte Leinen war Hirschberg mit Häfen verbunden, die hier nie jemand gesehen hatte.
Das sind übrigens zwei Brunnen auf einem Platz – einer in einen Springbrunnen verwandelt, der andere wenige Dutzend Meter weiter unter Glas bewahrt.
Der Brunnen unter dem Glasboden
Im ersten der Sieben Häuser hat sich ein Brunnen aus dem 16. Jahrhundert erhalten, mindestens zwölf Meter tief. Entdeckt wurde er beim Umbau, im Jahr 2000 archäologisch untersucht – fünfzehnhundert Eimer Schutt kamen heraus, darin Keramik, Glas und Tierknochen.
Heute ist er mit einem Glasboden abgedeckt und beleuchtet. Zu den Öffnungszeiten kann man hineingehen und einfach darüber stehen, hinunter an den Ort blicken, aus dem der Ring sein Wasser holte, bevor es Leitungen gab. Eine jener Sachen, die man leicht übersieht, weil sie nirgends angekündigt sind.
Straßenbahnen mitten über den Ring
Zwischen Rathaus und den Sieben Häusern verlief eine Straßenbahnlinie. Geblieben ist ein Stück Schiene im Pflaster – man geht leicht darüber hinweg, ohne es zu bemerken.
Die Hirschberger Straßenbahn, die Hirschberger Thalbahn, fuhr vom 10. April 1897 bis zum 28. April 1969, also zweiundsiebzig Jahre. Ein Detail für Freunde der Technik: das Netz entstand zuerst in Normalspur und wurde schon 1899 auf Meterspur umgebaut. Die Bahn fuhr weit über die Stadt hinaus, unter anderem nach Podgórzyn.
Ein weiteres Andenken an dieses System ist der Triebwagen vor dem Rathaus, in dem heute eine Informationsstelle sitzt. Selten ist die Touristeninformation selbst ein Ausstellungsstück.
Was man heute sieht
Der Bau ist spätbarock: drei Geschosse, elf Achsen, dreiachsige Risalite mit Giebeln und ein hohes Mansarddach mit Gauben. In der Mitte erhebt sich ein massiver quadratischer Turm mit achteckiger Haube, Uhren und offener Laterne, auf der Spitze sitzt ein vergoldeter Adler. Pilaster in großer Ordnung betonen Ecken und Risalite.
Im Inneren lohnt das Jahr 1924: damals wurden die Räume umgestaltet, die neue Ausstattung von Treppenhaus und Ratssaal schuf der Bildhauer Ernst Ruelke von der Schnitzschule in Bad Warmbrunn. Es ist dieselbe Warmbrunner Schnitztradition, aus der die Schule hervorging, die heute die Hirschchen macht – Handwerk aus einem Stadtteil schmückt also das Rathaus und stellt zugleich die Figuren entlang des ganzen Pfades auf.
Zwischen 1975 und 1998, als Hirschberg Woiwodschaftshauptstadt war, residierten im Rathaus die Woiwodschaftsbehörden, und die Stadtverwaltung zog in die ul. Sudecka. Nach Auflösung der Woiwodschaft bekam die Stadt ihr Gebäude zurück.
Was in der Nähe liegt
Am Eingang steht Rajcuś, das zweite Hirschchen des Pfades, enthüllt am 3. Februar 2020 zur Wiedereröffnung des Rathauses nach der Sanierung – seine Geschichte steht auf der Liste der Hirschchen. Wenige Schritte weiter ist die Basilika, und der Rundweg führt von hier zum Schildauer Tor und weiter bis zum Riesengebirgsmuseum, wo die Schwerter aus dem Festzug liegen.
Hier stehen die Hirschchen am dichtesten in der ganzen Stadt: Rajcuś und Przewodniczek direkt am Rathaus, ein paar Meter vom Eingang, und Italjan keine hundert Meter weiter.
Häufige Fragen
Aus welchem Jahr stammt das Rathaus in Hirschberg? Der heutige Bau entstand 1744–1747 nach einem Entwurf von Christoph Gottlieb Hedemann. Geweiht wurde er am 25. September 1747.
Was geschah mit dem alten Rathaus? Am 28. Februar 1739 stürzten die Mauern seines jahrzehntelang vernachlässigten Turms ein. Die Katastrophe beschädigte das Gebäude und begrub mehrere Menschen. Reste des alten Rathauses haben sich in den Kellern des heutigen erhalten.
Warum dauerte der Wiederaufbau so lange? Die Stadt begann erst, nachdem das Militärkommando in Glogau es 1742 angeordnet hatte. Zuvor war Krieg, und es fehlte an Geld.
Was sind die Sieben Häuser? Die östlich ans Rathaus grenzenden Laubenhäuser, schon im 14. Jahrhundert erwähnt und um 1910 dem Rathaus angeschlossen. Heute sind sie eine der bekanntesten Ansichten der Stadt.
Wurde vom Rathausturm ein Signal geblasen? Ja. Ab dem 16. November 1750, drei Tage nach dem Anlaufen der Uhr, erklang stündlich ein auf der Trompete geblasenes Signal.
Kann man das Rathaus betreten? Ja, zu den Öffnungszeiten. Im ersten der Sieben Häuser liegt ein Brunnen aus dem 16. Jahrhundert unter einem Glasboden – man kann darüber stehen und hinunterschauen.
Was ist das für eine Straßenbahn vor dem Rathaus? Ein Wagen des alten Hirschberger Netzes, heute eine Informationsstelle. Die Bahn fuhr hier von 1897 bis 1969, und zwischen Rathaus und den Sieben Häusern hat sich ein Stück Gleis erhalten.
Welches Hirschchen steht am Rathaus? Rajcuś, enthüllt am 3. Februar 2020 – das zweite des Hirschchen-Pfades.