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Hirschberger Stadtroute · die kleine Route

Die Gnadenkirche (Kreuzkirche)

Diese Kirche steht dort, wo sie steht, wegen eines verlorenen Krieges. Kaiser Joseph I. musste 1707 dem Bau von sechs Gotteshäusern für die schlesischen Protestanten zustimmen, stellte aber eine Bedingung: außerhalb der Stadtmauern und nicht näher als einen Kanonenschuss. Der Abstand zwischen dem Schildauer Tor und dieser Kirche ist genau die Reichweite der damaligen Artillerie. Die Hirschberger Gnadenkirche wurde so gebaut, dass sie die gesamte evangelische Gemeinde der Stadt fasste: über viertausend Sitzplätze und ebenso viele Stehplätze, insgesamt rund achttausend Menschen. Sie gilt als die größte der sechs.

Warum sie überhaupt entstand

Am 1. September 1707 trafen sich auf Schloss Altranstädt in Sachsen der lutherische König Karl XII. von Schweden und der katholische Kaiser Joseph I. von Habsburg. Der Kaiser war die unterlegene Partei im Nordischen Krieg und musste die Bedingungen annehmen: den schlesischen Protestanten hunderteinundzwanzig zuvor entzogene Kirchen zurückzugeben und den Bau von sechs völlig neuen zu erlauben. Diese sechs nannte man Gnadenkirchen – der Name sagt alles darüber, wie man damals das Recht auf ein eigenes Gotteshaus verstand.

Für Hirschberg bedeutete das das Ende eines halben Jahrhunderts ohne eigenen Kultort. Die Evangelischen verloren die Pfarrkirche 1654, als die Katholiken sie mitsamt den in die Stadt geholten Jesuiten übernahmen. Über fünfzig Jahre lang hatten sie danach keinen Ort zum Versammeln.

Einen Kanonenschuss vom Tor entfernt

Die kaiserliche Zustimmung war an eine Bedingung geknüpft, die man der Stadt heute noch ansieht: Gnadenkirchen durften ausschließlich außerhalb der Mauern stehen, nicht näher als die Reichweite eines Kanonenschusses. Es ging darum, dass das Gotteshaus Andersgläubiger nicht zum Stützpunkt für Truppen werden konnte.

Deshalb entstand die Kirche in der einstigen Schildauer Vorstadt, östlich des Zentrums. Wer vom Schildauer Tor zur Kirche geht, legt genau die Strecke zurück, die die Artillerie des 17. Jahrhunderts vorgab – einer der wenigen Fälle, in denen man eine politische Entscheidung abschreiten kann.

Stockholm in Hirschberg

Entworfen und gebaut hat die Kirche zwischen 1709 und 1718 Martin Frantz. Vorbild war die Katharinenkirche in Stockholm – kein Zufall, denn dem schwedischen König verdankten die Evangelischen die Möglichkeit des Baus überhaupt. Indem sie die Stockholmer Kirche kopierten, dankten sie ihm auf eine Weise, die jeder verstand, der die damalige Politik kannte.

Der Bau steht über griechischem Kreuz auf einem hohen steinernen Sockel. Zwischen den Kreuzarmen sitzen turmartige Anbauten mit den Treppenhäusern – unten quadratisch, oben achteckig. Über der Vierung erhebt sich eine achteckige Kuppel mit Laterne. Parallel zur Kirche entstand 1709–1711 das Pfarrhaus.

Der Mann, der Stockholm gesehen hatte

Martin Frantz wurde 1679 in Reval, dem heutigen Tallinn, geboren und dort evangelisch getauft. Sein Vater, ebenfalls Martin, stammte aus Dresden und war in Reval städtischer Maurermeister; nach dessen Tod heiratete die Mutter den Stadtbaumeister Georg Winkler, bei dem der Junge ab 1691 in die Lehre ging. Die Gesellenprüfung legte er 1697 ab und zog dann, wie es Brauch war, auf Wanderschaft.

Und hier das für diese Kirche Wichtigste: wahrscheinlich verbrachte er einen Teil dieser Zeit in Stockholm. Die Wahl des Stockholmer Vorbilds war also nicht bloß politische Höflichkeit gegenüber Karl XII. – Frantz kannte diese Kirche höchstwahrscheinlich aus eigener Anschauung.

1704 arbeitete er bereits in Liegnitz am Jesuitenkolleg nach einem Entwurf von Johann Georg Knoll. Als Knoll im November desselben Jahres starb, wurde ihm die Vollendung übertragen. Ein Jahr später kaufte Frantz in Liegnitz das Bürgerrecht und den Meistertitel. Er begann mit einem katholischen Kolleg, bekannt machten ihn zwei protestantische Kirchen – in Hirschberg und Landeshut – ab 1709 gleichzeitig gebaut. Beide legte er über dem Kreuzgrundriss nach Stockholmer Vorbild an, umgearbeitet durch den Einbau von Emporen.

Später änderte sich sein Stil: er passte sich dem repräsentativen böhmischen Barock der Dientzenhofer an, der mit dem Bau der Liegnitzer Jesuitenkirche 1714–1720 in Schlesien heimisch wurde. In Hirschberg hinterließ er außerdem das Baumgarten-Haus (1710–1715), in Bad Warmbrunn ein Pfarrhaus von 1712. Er starb am 6. November 1742 in Liegnitz.

Achttausend Menschen unter einem Dach

Der Innenraum war für eine Menge gedacht, und das sieht man von der Schwelle an. An den Wänden laufen zwei Geschosse hölzerner Emporen auf sechsundzwanzig Kompositsäulen, darüber ein drittes, deutlich flacheres. Diese Anordnung ist typisch protestantisch: es kam darauf an, dass möglichst viele den Prediger sahen und hörten, nicht auf eine Prozessionsperspektive.

Die Ausmalung von Gewölbe und Wänden schufen 1734–1751 Felix Anton Scheffler und Johann Franz Hoffman. Der Hochaltar von 1727–1729 ist mit der Orgel verbunden – ebenfalls eine protestantische Lösung, die Auge und Ohr an einem Ort bündelt. Geschnitzt hat ihn der Hirschberger Bildschnitzer David Hielscher, die Figuralplastik wird Johann Georg Urbansky zugeschrieben.

Den Orgelprospekt selbst baute Johann Michael Roeder. In seiner Mitte sitzt eine Glasgloria mit dem Namen Jahwes von 1727. Die Orgel wurde zweimal vergrößert, 1732 und 1830, und 1905 von der bekannten Schweidnitzer Firma Schlag und Sohn überholt. Aus derselben Zeit wie die erste Orgel stammen die Sandsteinkanzel und das Marmortaufbecken – beide von 1717.

Ein Brand, nach dem die Kuppel ihre Form änderte

Am 16. Oktober 1806 beschädigte ein Brand die Kuppel und die Bekrönungen der Treppentürme. Der Wiederaufbau zog sich bis 1810, erfolgte aber vereinfacht und mit klassizistischem Detail – im Geist der eben angebrochenen Epoche. Die barocken Formen der Kuppellaterne kehrten erst bei einer Renovierung 1925 zurück.

Weitere Arbeiten folgten 1908 und nach dem Krieg: 1959, 1963, 1973 und 1975–1978.

Neunzehn Kapellen um einen Park

Das Ungewöhnlichste hier ist jedoch, was ringsum steht. Die Kirche umgibt ein einstiger Friedhof, heute ein öffentlicher Park, und entlang seiner Mauer haben sich neunzehn Grabkapellen Hirschberger Patrizier aus den Jahren 1716–1770 erhalten. Sie haben aufwendige architektonische Formen und reichen Bildhauerschmuck, dazwischen ist eine Sammlung von Grabsteinen ausgestellt.

Das ist in dieser Dichte selten: ein geschlossener Kranz barocker Grabarchitektur, errichtet von den Kaufmannsfamilien einer einzigen Stadt binnen eines halben Jahrhunderts. Ein Teil der Literatur schreibt einige der ältesten Kapellen Martin Frantz selbst zu, dem Architekten der Kirche – im Denkmalblatt habe ich dafür keine Bestätigung gefunden, es bleibt also Vermutung, nicht Tatsache.

Den Park zu umrunden ist eine eigene Besichtigung und erfordert kein Betreten der Kirche.

Nicht nur Kirche, sondern ein ganzer Komplex

Neben dem Gotteshaus steht das mit einem Gymnasium verbundene Pfarrhaus – ein dreigeschossiger Bau über U-förmigem Grundriss. Südlich der Kirche, an der ul. 1 Maja, hat sich das Kantorenhaus von 1737 erhalten, im Erdgeschoss mit Tonnengewölben und Stichkappen. Zusammen bilden sie einen Komplex, der für die Hirschberger Evangelischen nicht nur Gebetsort war, sondern auch Schule und Zubehör.

1945: die Gemeinde wechselt

Die Kirche war über zweihundert Jahre evangelisch. Nach dem Krieg und der Vertreibung der deutschen Bewohner übernahm sie der Staat und übergab sie der katholischen Kirche. Heute ist es eine römisch-katholische Pfarrei zur Kreuzerhöhung, zugleich Garnisonkirche.

Das gehört klar gesagt, denn die ganze Geschichte dieses Ortes ist protestantisch – von der Altranstädter Konvention bis zu den für die Predigt gebauten Emporen – und wer hier eintritt, sieht eine katholische Kirche.

Hundert Meter weiter hat dieselbe Geschichte ihre zweite Hälfte. In der orthodoxen Kirche beten die Nachkommen jener Menschen, die man 1947 im Rahmen der Aktion Weichsel hierher brachte. Zwei benachbarte Stationen dieses Weges erzählen dieselbe Sache: nach 1945 wurde hier die Bevölkerung ausgetauscht, und die Gebäude blieben.

Was in der Nähe liegt

Vom Schildauer Tor trennt sie genau jene Strecke, die 1707 festgelegt wurde. Richtung Altstadt führt der Weg zur Basilika, also zu der Kirche, die die Evangelischen verloren, und endet im Riesengebirgsmuseum. Die Figuren am Weg stehen auf der Liste der Hirschchen.

Achtzig Meter von der Kirche entfernt steht das Hirschchen Rockman.

Häufige Fragen

Was sind Gnadenkirchen? Sechs Gotteshäuser, deren Bau Kaiser Joseph I. nach der Altranstädter Konvention vom 1. September 1707 zuließ, erzwungen von König Karl XII. von Schweden. Die Hirschberger ist die größte davon.

Warum steht die Kirche außerhalb des alten Zentrums? Weil das die Bedingung war: Gnadenkirchen durften nur außerhalb der Stadtmauern stehen, nicht näher als einen Kanonenschuss.

Wie viele Menschen fasst sie? Über viertausend sitzend und ebenso viele stehend. Nach der Zahl der Sitzplätze ist sie die größte der sechs Gnadenkirchen; die Jesuskirche in Teschen hat weniger, wird aber mitunter als größer im Gesamtfassungsvermögen angegeben.

Wem gehört die Kirche heute? Der römisch-katholischen Kirche. Gebaut haben sie Lutheraner, doch nach 1945, nach der Vertreibung der deutschen Bewohner, wurde sie der katholischen Kirche übergeben. Heute ist es die Pfarrei zur Kreuzerhöhung, zugleich Garnisonkirche.

Wer hat sie gebaut? Martin Frantz, 1709–1718, nach dem Vorbild der Katharinenkirche in Stockholm.

Was lohnt sich drinnen? Zwei Geschosse hölzerner Emporen auf sechsundzwanzig Säulen, die Ausmalung von 1734–1751, der mit der Orgel verbundene Altar mit der Glasgloria von 1727 sowie Kanzel und Taufbecken von 1717.

Was sind das für Kapellen rings um die Kirche? Neunzehn barocke Grabkapellen Hirschberger Patrizier aus den Jahren 1716–1770, entlang der Mauer des einstigen Friedhofs, der heute ein Park ist.