Das Grab des unbekannten Priesters
Am Waldrand zwischen Bad Warmbrunn (Cieplice) und Stonsdorf (Staniszów), auf 416 m Höhe, liegt ein Grab ohne Namen. Bekannt ist nur, dass dort ein Geistlicher ruht und dass er gegen Kriegsende starb. Alles andere – selbst Konfession und Nationalität – ist Vermutung. Und doch brennt dort fast immer ein Licht.
Was wirklich bekannt ist
Die Liste der Fakten ist kurz, und genau das macht diese Geschichte aus. Der Name ist unbekannt. Ob es ein katholischer Priester oder ein evangelischer Pfarrer war, ob Pole oder Deutscher – nichts davon ist gesichert. Das Datum der Bestattung, um 1944, stammt aus den Erinnerungen der Bewohner von Stonsdorf, nicht aus einem Kirchenbuch.
Die Suche blieb nicht bei Erzählungen stehen. Prälat Józef Stec, viele Jahre Pfarrer in Bad Warmbrunn, schrieb deswegen an das Berliner Archiv. Gefunden wurde kein einziges Dokument – weder über die Bestattung noch über den Tod eines Geistlichen in dieser Gegend.
Vier Fassungen eines Todes
Ältere Einwohner von Stonsdorf erinnerten vier Fassungen, die sich kaum vereinbaren lassen:
- Erhängt durch die SS – wegen priesterlichen Beistands für Häftlinge des Lagers in Bad Warmbrunn.
- Von Pferden zerrissen – die drastischste und unwahrscheinlichste Fassung, dennoch weitererzählt.
- Selbsttötung – hier erklärt der kirchliche Brauch, warum das Grab außerhalb des Friedhofs liegt.
- Raubüberfall – ein zufälliger Tod, ohne Bezug zu Krieg und Politik.
Auf den Ort angesprochen, sagte Prälat Stec, hier sei „mit Sicherheit ein Geistlicher bestattet" und es sei ein Mensch gewesen, „der für die eintrat, die anders dachten". Er betonte zugleich, die Erinnerung an dieses Grab erziehe – und dieser Satz erklärt mehr als jede der vier Fassungen.
Hintergrund, der keine Erklärung ist
1944 bestand in Bad Warmbrunn ein Außenlager des Konzentrationslagers Gross-Rosen, das Arbeitslager Bad Warmbrunn. Dort waren 600 bis 800 jüdische Männer inhaftiert, vor allem aus Polen und Ungarn, aber auch aus Belgien, den Niederlanden, Griechenland und der Tschechoslowakei. Sie arbeiteten in der auf Rüstung umgestellten Papiermaschinenfabrik Dörries-Füllner. Im Winter 1944/1945 wütete im Lager eine Typhusepidemie; etwa 400 Häftlinge starben.
Das ist der Hintergrund von Zeit und Ort – keine Erklärung für das Grab. Kein bekanntes Dokument verbindet dieses Lager mit der Bestattung am Waldrand, und die Fassung vom priesterlichen Beistand passt schlecht dazu, dass im Warmbrunner Lager jüdische Häftlinge waren. In der Umgebung arbeiteten auch Zwangsarbeiter aus anderen Ländern, und es gab weitere Haftstätten. Wer diese Geschichte redlich erzählt, muss die Frage offen lassen.
Der Weg dorthin
Das Grab liegt am Ende eines grünen Spazierwegs, der in Cieplice an der Straße Poprzeczna, Ecke Ceglana, beginnt. Der Weg ist 2,1 km lang und endet genau hier – weiter führt er nicht. Es geht durchgehend bergauf, aber sanft: von 337 auf 417 m, achtzig Höhenmeter auf zwei Kilometer, und kein einziger Meter bergab. Die ersten 400 Meter sind Straße (Poprzeczna, Michejdy), dann Waldwege, die letzten 400 Meter blanker Boden, der nach Regen weich wird. Gemütlich etwa 35 Minuten.
Etwa auf halber Strecke, bei Kilometer 1,2, liegt direkt am Weg – fünf Meter daneben – eine Quelle.
Bei Kilometer 1,64 trifft der Weg auf die rote Schleife des Warmbrunner Spazierwegs, und 111 Meter lang verlaufen beide gemeinsam auf einer Spur. Dann trennen sich die Markierungen: die rote zweigt ab, die grüne steigt weiter und endet nach 330 Metern am Grab.
Achtung bei der Markierung: In Cieplice gibt es zwei Spazierwege mit demselben weiß-grünen Quadrat. Der andere ist ein Rundweg durch den Kurort, einige Kilometer entfernt, und hat mit dem Grab nichts zu tun.
Dieselbe Route führt die App Szlak Jelonków – mit GPS, Sprachhinweisen und einer Karte, die ohne Empfang funktioniert. Zwei Dinge unterwegs bedenken. Es ist weiterhin ein Grab – Stille, mehr nicht. Und es ist Wald: offenes Feuer sollte man hier besser nicht zurücklassen. Wer ein Licht hinstellen möchte, nimmt am sichersten ein elektrisches.