Hirschberger Stadtroute · die große Route · Jagniątków
Gerhart-Hauptmann-Haus
Gerhart Hauptmann erhielt 1912 den Nobelpreis für Literatur und lebte fast ein halbes Jahrhundert in Agnetendorf – heute Jagniątków, ein Stadtteil von Hirschberg. Sein Haus nannte er „Trutz- und Schutzburg“, denn er floh hierher vor dem gesellschaftlichen Trubel Berlins. Die Villa Wiesenstein steht auf einem Granitfelsen und bildet den Schlusspunkt der großen Hirschberger Stadtroute.
Ein Haus, mit der Aussicht zusammen gekauft
Das Grundstück kaufte Hauptmann am 30. Oktober 1899, die Villa entstand 1900–1901 nach dem Entwurf des Berliner Architekten Hans Grisebach. Das Gebäude ist massiv und erinnert tatsächlich an eine Burg – architektonisch eine Mischung aus Historismus und Neorenaissance, mit zwei Türmen, die sich gut in die Gebirgslandschaft fügen.
Entscheidend ist jedoch die Lage: das Haus steht auf einem Granitfelsen, in einem Park von etwa 1,6 Hektar, und war von Anfang an als Aussichtsvilla gedacht. Aus seinen Fenstern und von den Terrassen öffnet sich das Panorama des Riesengebirges. Es war kein Haus, das irgendwo gebaut und erst danach bewundert wurde – die Aussicht steckte vom ersten Tag an im Entwurf.
„Trutz- und Schutzburg"
Hauptmann gebrauchte für dieses Haus Worte, die mehr über ihn selbst sagen als über die Architektur. Er nannte es „Trutz- und Schutzburg“ und „den Wiederaufbau meiner Seele“ und sagte den Eintretenden, wer diesen „Tempel der Seele“ erreiche, erhalte Einblick in seine schöpferische Persönlichkeit.
Hinter diesen Worten steht ein konkretes Bedürfnis. Die Villa war Zuflucht zwischen längeren Aufenthalten auf Hiddensee und in Italien und vor allem eine Flucht vor dem gesellschaftlichen Trubel Berlins und der öffentlichen Aufmerksamkeit, die den Schriftsteller nach dem Nobelpreis begleitete. Das Paradox liegt darin, dass dieses Fluchthaus fast ein halbes Jahrhundert zugleich ein Zentrum des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens von Künstlern, Schriftstellern und Intellektuellen aus dem Riesengebirge und aus Berlin war – und für wertvolle Kunstsammlungen bekannt.
Die Paradieshalle, oder acht Monate eines Malers
Der außergewöhnlichste Raum der Villa entstand nicht mit ihr. Das Treppenhaus erhielt sein heutiges Aussehen erst 1922, zum sechzigsten Geburtstag des Hausherrn. Mit Malereien überzog es Johannes Maximilian Avenarius, ein Freund und künstlerischer Mitarbeiter Hauptmanns, und die Arbeit kostete ihn acht Monate.
Was daraus wurde, heißt Paradieshalle. Die Malereien bedecken Wände und Decke, und ihre Themen mischen die Ordnungen: biblische und pflanzliche Motive, Gestalten aus der Mythologie, Figuren aus Hauptmanns eigenen Dramen und darunter Porträts der Familie – seiner Frau Margarethe Marschalk und seines Sohnes Benvenuto. Ein Haus, auf den eigenen Wänden erzählt.
Der Raum hält diesen theatralischen Ton auch im Detail: massive, geschnitzte Holztreppen führen auf eine Empore, der Boden ist mit Terrakotta in Braun- und Blautönen zu einem geometrischen Mosaik verlegt, unter der Empore steht ein Kamin, und das Licht fällt durch Glasfenster.
Finanziert hat die Ausführung wahrscheinlich Max Pinkus, ein jüdischer Unternehmer aus Neustadt in Oberschlesien und ein treuer Freund des Schriftstellers. Diesen Satz sollte man sich merken, denn zehn Jahre nach dieser Stiftung wird sich die Lage solcher Freundschaften in Deutschland bis zur Unkenntlichkeit ändern.
Hauptmannstraße, heute Kochanowski-Straße
Das Ansehen des Schriftstellers war nicht nur in Agnetendorf zu sehen. Bis 1945 gab es in Hirschberg eine Hauptmannstraße – der Nobelpreisträger bekam noch zu Lebzeiten eine eigene Straße in der Stadt, was selten vorkommt und einiges über seine damalige Stellung sagt.
Heute ist es die Jan-Kochanowski-Straße. Daraus wurde eine Symmetrie, die niemand geplant hat: eine nach einem deutschen Literaturnobelpreisträger benannte Straße wurde nach dem Krieg zu Ehren eines polnischen Renaissancedichters umbenannt. Und vor dem dort stehenden Stefan-Żeromski-Gymnasium sitzt heute das Hirschlein Stefanek mit einem aufgeschlagenen Buch in den Hufen – ein dritter Schriftsteller in derselben Straße, diesmal in Bronze.
Die alten Namen der Hirschberger Stadtteile und der umliegenden Orte sind gesondert auf der Seite der [deutschen Ortsnamen von Hirschberg] (/niemieckie-nazwy-jeleniej-gory/) zusammengestellt, und Stefanek findet man in der Liste der Hirschlein.
Ein Felsen, dessen Name dreimal wechselte
Eine Spur Hauptmanns blieb auch im Riesengebirge, gut zwanzig Kilometer von hier. Die Felsgruppe Słonecznik am Hang der Smogornia trug den deutschen Namen Mittagstein – er rührte daher, dass für die Bewohner von Giersdorf, Hain und Baberhäuser die Sonne über diesem Felsen den Mittag anzeigte. Der Name war also eine Uhr.
1942, zum achtzigsten Geburtstag des Schriftstellers, benannte der Riesengebirgsverein den Mittagstein in Gerhart-Hauptmann-Stein um. Es ist derselbe Verein, der sechzig Jahre zuvor begonnen hatte, jene Exponate zu sammeln, aus denen das Riesengebirgsmuseum hervorging. Der neue Name wurde in den Stein gehauen.
Nach dem Krieg trug der Fels kurz den Namen Tetmajer-Stein – nach dem polnischen Schriftsteller –, bis er zu Słonecznik zurückkehrte, also zur ältesten und praktischsten Bedeutung. Die eingehauene Inschrift wurde abgeschlagen, eine Spur blieb, und wer weiß, wonach er sucht, findet sie.
Das ist schon die zweite solche Geschichte in diesem Text. Aus der Hauptmannstraße wurde die Kochanowski-Straße, aus seinem Felsen erst der Tetmajers, dann wieder der gewöhnliche Słonecznik. Eigennamen sind in diesen Landschaften oft die kurzlebigste Schicht.
Kinderferien in der Villa eines Nobelpreisträgers
Hauptmann lebte hier bis zu seinem Tod 1946. Danach gab es viele Ideen für das Gebäude, und die prosaischste setzte sich durch: eingerichtet wurde das Kinderferienheim „Warszawianka“, das bis 1997 Kinder und Jugendliche zu Ferien und Schullandheimaufenthalten aufnahm.
Ein besseres Bild des Nachkriegswandels gibt es kaum. Ein halbes Jahrhundert lang liefen unter den von Avenarius bemalten Wänden Kinder herum, und das Haus eines Nobelpreisträgers erfüllte eine Aufgabe, an die sein Erbauer nie gedacht hätte. Diese Kontinuität der Nutzung hatte allerdings eine Nebenwirkung: das Gebäude überdauerte, weil es die ganze Zeit jemand brauchte.
Ein Museum, das mit der Erklärung zweier Politiker begann
Kurz nach der Wende von 1989 wurde gemäß einer gemeinsamen Erklärung von Bundeskanzler Helmut Kohl und Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki beschlossen, in der Villa ein Museum des Nobelpreisträgers einzurichten. Nach der Kommunalisierung wurde das Gebäude grundlegend saniert und restauriert, unterstützt von der Bundesregierung und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.
Am 1. September 2001 wurde das Gerhart-Hauptmann-Haus offiziell als Kultureinrichtung der Stadt Hirschberg eröffnet, bei einer Feier mit den Ministerpräsidenten Polens und Sachsens. Den vollen Museumsstatus erhielt es erst vier Jahre später – seit dem 1. Mai 2005 arbeitet es als Städtisches Museum Gerhart-Hauptmann-Haus.
Bemerkenswert ist, dass dies einer der wenigen Orte der Region ist, an dem die deutsch-polnische Vergangenheit kein Streitthema ist, sondern die Grundlage eines gemeinsamen Unternehmens – von der Finanzierung der Sanierung bis zum wissenschaftlichen Programm.
Was drinnen ist
Die Ausstellung umfasst Buchausgaben, Fotografien, persönliche Gegenstände des Schriftstellers und Kunstwerke; die Räume sind so eingerichtet, dass sie die Atmosphäre der Zeit vermitteln. Das Museum forscht zur Literatur und Geschichte Schlesiens und veranstaltet Sonderausstellungen, Werkstätten, Vorträge und internationale Konferenzen.
Die größte Attraktion bleibt jedoch die Paradieshalle selbst – einer der schönsten Räume in Hirschberg, den man nirgendwo sonst sehen und nicht einmal sinnvoll im Ganzen fotografieren kann.
Nicht verwechseln mit dem Haus in Schreiberhau
In Schreiberhau gibt es das Haus Carl und Gerhart Hauptmann – eine Außenstelle des Riesengebirgsmuseums und ein ganz anderes Gebäude, vor allem mit dem älteren Bruder des Nobelpreisträgers, Carl, verbunden. Der Wiesenstein in Agnetendorf ist ein eigenständiges Städtisches Museum. Beide Häuser werden oft verwechselt, auch in Reisematerialien.
Was in der Nähe zu sehen ist
Das Museum beschließt die Route, die in Cieplice beginnt. In Jagniątków selbst steht das Hirschlein Kubuś an der Kirche der Göttlichen Barmherzigkeit, und der Stadtteil reicht bis an den Hauptkamm des Riesengebirges, von hier bricht man also ins Gebirge auf. Tiefer liegt Sobieszów mit der Ruine der Burg Kynast, dem vierzehnten Punkt derselben Route.
Fotos
Häufige Fragen
Wer war Gerhart Hauptmann?
Ein deutscher Schriftsteller und Dramatiker, Träger des Nobelpreises für Literatur von 1912. Von 1901 bis zu seinem Tod 1946 lebte er in Agnetendorf, dem heutigen Jagniątków.
Was bedeutet der Name Wiesenstein?
Wiesen-Stein. Die Villa steht auf einem Granitfelsen, in einem Park von etwa 1,6 Hektar.
Was ist die Paradieshalle?
Die Halle mit dem Treppenhaus, überzogen mit Malereien, die 1922 Johannes Maximilian Avenarius zum sechzigsten Geburtstag des Schriftstellers ausführte. Die Arbeit dauerte acht Monate, unter den Malereien sind Porträts von Hauptmanns Frau und Sohn.
Was war nach dem Krieg in der Villa?
Das Kinderferienheim „Warszawianka“, das bis 1997 Kinder zu Ferien und Schullandheimaufenthalten aufnahm.
Seit wann gibt es das Museum?
Das Haus wurde am 1. September 2001 als Kultureinrichtung eröffnet und hat seit dem 1. Mai 2005 den Status eines Städtischen Museums.
Ist im Riesengebirge etwas nach Hauptmann benannt?
Es war. 1942, zum achtzigsten Geburtstag des Schriftstellers, benannte der Riesengebirgsverein den Felsen Mittagstein in Gerhart-Hauptmann-Stein um und hieb diesen Namen in den Stein. Nach dem Krieg trug der Fels kurz Tetmajers Namen, heute heißt er wieder Słonecznik.
Ist das dasselbe Haus wie in Schreiberhau?
Nein. In Schreiberhau gibt es das Haus Carl und Gerhart Hauptmann, eine Außenstelle des Riesengebirgsmuseums. In Agnetendorf steht die Villa Wiesenstein – ein eigenständiges Städtisches Museum.