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Hirschberger Stadtroute · die kleine Route

St.-Anna-Kapelle und Schildauer Bastei und Tor

Von der Hirschberger Stadtmauer ist wenig übrig, doch hier sieht man am meisten auf einmal: einen Turm, eine Bastei mit Kapelle und ein Tor. Jedes hat seine eigene Geschichte, und die des Tores ist die merkwürdigste – hundertdreißig Jahre lang stand es anderswo. 1869 wurde es abgetragen und zur Kaserne gebracht. Zurück kam es 1998.

Warum Schildauer Tor

Weil man hier nach Osten hinausfuhr, auf der Straße nach Schildau – heute das Herz des Tals der Schlösser und Gärten. Hinter dem Tor begann die Schildauer Vorstadt, und 1546 kaufte die Stadt dort einen Garten und legte einen Friedhof an, weil der an der Kirche nicht mehr reichte.

Bemerkenswert: das war die bestgeschützte Seite der Stadt. Der trockene Graben maß im Umlauf dreizehn bis sechzehn Meter, und genau hier 19,5 Meter. Jemand rechnete damit, dass der Ärger von Osten kommt.

Der Turm, den der Wind umwarf

Am 4. Dezember 1480 stürzte der Turm bei einem Sturm ein und erschlug fünf Menschen. Er wurde rasch wieder aufgebaut, und die Mauern, die man heute sieht, stammen im Wesentlichen aus diesem Wiederaufbau – die Silhouette ist jedoch viel jünger. Der Turm wurde 1590 umgebaut, und die barocke Haube mit Laterne kam erst 1759–1763 hinzu. Das auffälligste Element ist also fast drei Jahrhunderte jünger als der Turm selbst.

Es war übrigens das zweite Mal, dass Wind in dieser Stadt einen Turm umwarf und Menschen tötete: zweihundertneunundfünfzig Jahre später traf es den Turm des Rathauses.

In den Verliesen des Turms saß das Stadtgefängnis. Dieselbe Lösung wie im Burgtor-Turm: ein Wehrbau stand die meiste Zeit ungenutzt, also fand man eine zweite Verwendung.

Eine Kapelle mit Schießscharten

An den Turm schließt eine Bastei an – ein vor die Mauerlinie vorgeschobenes Wehrwerk. 1514 wurde sie gründlich umgebaut und erfüllt seither zwei Aufgaben zugleich: Verteidigung und Gottesdienst. In ihr entstand die St.-Anna-Kapelle, in den Quellen 1516 erwähnt.

Das ist der interessanteste Innenraum dieses Rundwegs, und zwar aus einem einfachen Grund: in denselben Wänden stehen Altar und Schießscharten. Erhalten sind sogenannte Schlüsselscharten – schmale, unten erweiterte Öffnungen für Feuerwaffen. Man betete hier in einem Gebäude, aus dem man notfalls schoss.

Die Kapelle brannte 1634 im Stadtbrand während des Dreißigjährigen Krieges. Wiederaufgebaut wurde sie 1709–1715 nach einem Entwurf von Caspar Jentsch, und aus dieser Zeit stammt die Ausstattung: ein barockes Altarbild mit der heiligen Anna, Maria und dem Kind, dazu die heiligen Joachim und Josef.

In der Ostwand, zwischen den Fenstern, sitzt in einer steinernen Schlüsselscharte eine Tafel von 1948 zum 840. Jahrestag des Stadtrechts. Ein Wehrbaudetail dient hier als Gedenkrahmen.

Daneben ist ein beschädigtes Steinkreuz eingemauert. In Niederschlesien nennt man solche Kreuze Sühne- oder Versöhnungskreuze – und der Brauch selbst ist dokumentiert: im Spätmittelalter stiftete ein Totschläger ein solches Kreuz als eine der Auflagen im Vergleich mit der Familie des Opfers, und solche Verträge sind erhalten. Die Sache ist nur die: nicht jedes alte Steinkreuz ist ein Sühnekreuz; viele wurden als Votiv-, Gedenk- oder Grenzkreuze gesetzt. Für dieses eine kennen wir kein Dokument, das die Frage entschiede.

Das Tor, das die Stadt verließ

Das mittelalterliche, gotische Tor wurde 1755 abgerissen, und ein Jahr später stellte man an seine Stelle ein schlichteres barockes Tor mit Pforte, das nur noch Ordnungs- und Zollfunktion hatte. Genau dieses steht heute hier und lohnt einen Blick: es trägt Rokokokartuschen mit den Wappen von Hirschberg, Schlesien und Preußen sowie eine lateinische Inschrift, in der ein Chronogramm mit der Jahreszahl 1763 steckt – dem Jahr des Endes des Siebenjährigen Krieges und der endgültigen Übernahme Schlesiens durch Preußen.

Der Umriss des abgerissenen mittelalterlichen Tores ist im Pflaster mit dunkleren Steinen markiert – ein Blick nach unten lohnt sich.

1869 wurde das Tor abgetragen und aus der Stadt gefahren. Nicht wegen einer Katastrophe oder eines Krieges: die Stadt schloss gerade den Abbruch der Befestigung ab und ordnete die Straßenmündung, und das Tor stand genau an der engsten Stelle.

Hier ist mit der Version aufzuräumen, die man in Hirschberg am häufigsten hört – dass es um die Straßenbahn ging. Die Daten lassen das nicht zu. Die erste Straßenbahn fuhr hier erst am 10. April 1897, fast dreißig Jahre nach dem Abtransport des Tores. Die Gleise wurden später tatsächlich auf derselben Strecke zur Kaserne geführt – daher wohl die Verknüpfung.

Es kam auf das Gelände der Kaserne an der heutigen ul. Obrońców Pokoju, wo heute die technische Schule „Mechanik“ arbeitet. Und hier ein Detail, das den Sinn der ganzen Geschichte verschiebt: das Tor wurde keine Hofzier. Man baute es in den Kasernenkomplex ein – es blieb ein Tor, nur ein fremdes.

1998 kam es zurück – genauer: es wurde rekonstruiert. 1997 grub man die unterirdischen Reste aus und errichtete neue Pfeiler, gemauert und mit Sandstein verkleidet, während man die originalen Wappenkartuschen aus der Kaserne zurückholte und einsetzte. Die Enthüllung fand am 5. September 1998 statt.

Was daraus folgt

Drei Stationen dieses Weges erzählen drei verschiedene Arten zu überleben. Der Burgtor-Turm blieb, weil die Leute eine Sammlung machten. Die Turmbastei – weil jemand einzog. Und das Schildauer Tor überstand es am seltsamsten: weil es eine andere Arbeit bekam. Es wurde nicht weggeworfen, sondern in eine fremde Einfahrt versetzt, wo es genau dasselbe tat wie zuvor – hundertdreißig Jahre lang, bis die Stadt sich an es erinnerte.

Dreimal dieselbe Frage – was tun mit einer alten Mauer, die im Weg steht – und drei verschiedene Antworten, verteilt über zwei Jahrhunderte.

Was in der Nähe liegt

Die Anlage steht an der Kreuzung von ul. Marii Konopnickiej und ul. 1 Maja, am Ostrand der Altstadt. Geht man in die Gegenrichtung entlang der einstigen Mauerlinie, erreicht man die Turmbastei und weiter den Burgtor-Turm, und von dort ist es nicht weit zum Wzgórze Krzywoustego.

Direkt am Tor steht das Hirschchen Witalis – etwa fünfundzwanzig Meter entfernt. Ein Stück weiter, Richtung orthodoxe Kirche, sitzt Karruś.

Häufige Fragen

Warum heißt es Schildauer Tor? Weil es nach Osten führte, auf der Straße nach Schildau – heute Teil des Tals der Schlösser und Gärten. Auf Polnisch heißt es Brama Wojanowska.

Stimmt es, dass das Tor einmal anderswo stand? Ja. 1869 wurde es abgetragen und auf das Gelände der Kaserne an der heutigen ul. Obrońców Pokoju gebracht, wo heute die technische Schule „Mechanik“ steht. Dort baute man es in die Kasernengebäude ein. An seinen Platz kam es nach hundertdreißig Jahren zurück: 1997–1998 wurde es rekonstruiert, unter Verwendung der originalen Wappenkartuschen.

Wurde das Tor wegen der Straßenbahn entfernt? Das hört man oft, doch die Daten sprechen dagegen. Das Tor verschwand 1869, die erste Straßenbahn fuhr in Hirschberg am 10. April 1897. Der Grund war der Abbruch der Befestigung und die Regulierung der Straßenmündung.

Aus welchem Jahr stammt der Turm? Die Mauern stammen aus dem Wiederaufbau nach der Katastrophe vom 4. Dezember 1480, als der Turm bei einem Sturm einstürzte und fünf Menschen erschlug. Die Silhouette ist jünger: Umbau 1590, barocke Haube mit Laterne 1759–1763.

Was ist das für eine Kapelle am Turm? Die St.-Anna-Kapelle, eingerichtet in einer Bastei – einem vor die Mauer vorgeschobenen Wehrwerk. Die Bastei stammt aus dem 15. Jahrhundert, wurde 1514 umgebaut, und die Kapelle ist 1516 erwähnt.

Warum hat die Kapelle Schießscharten? Weil sie immer noch ein Wehrbau ist. Die Kapelle wurde in eine bestehende Bastei eingefügt und deren Scharten blieben erhalten; Altar und Schießöffnungen sitzen also in denselben Wänden.

Was ist das für ein Kreuz in der Wand? Ein beschädigtes Steinkreuz in der Ostwand. In Niederschlesien nennt man solche Kreuze Sühne- oder Versöhnungskreuze – der Brauch, dass ein Totschläger eines stiftete, ist in mittelalterlichen Vergleichen belegt. Das heißt aber nicht, dass jedes alte Steinkreuz ein Sühnekreuz war, und für dieses gibt es kein Dokument.

Was ist sonst von der Stadtmauer übrig? Die Turmbastei, der Burgtor-Turm, die Basteien – darunter diese mit der St.-Anna-Kapelle – sowie Mauerstücke in späterer Bebauung, vor allem an der ul. Jelenia. Der ganze Komplex steht unter der Nummer A/4953/614, Beschluss vom 28. August 1959.