Hirschberger Stadtroute · die kleine Route
Turmbastei
Die meisten Mauern Hirschbergs wurden abgetragen, weil sie im Weg standen. Dieser Turm blieb, weil jemand in ihn einzog. Erst richtete man Wohnungen ein, dann baute man ein Haus an ihn, bis er kein Stück Befestigung mehr war, sondern eine Adresse: ul. Grodzka 16. Heute kann man darin übernachten.
Einer von mehreren Dutzend
Im 15. Jahrhundert verstärkten mehrere Dutzend Türme die innere Mauer Hirschbergs. Der Historische Atlas zählt sechsunddreißig, andere Arbeiten nennen gut zwanzig, und die Turmbastei selbst spricht auf ihrer Website von achtunddreißig – entschieden hat das niemand. Warum sie so dicht standen, erklärt die Seite über die Stadtmauer.
Vom ganzen System blieben: die Turmbastei, der Burgtor-Turm, Bastei und Tor am Schildauer Tor mit der St.-Anna-Kapelle sowie Mauerstücke, die in spätere Häuser eingewachsen sind, am besten sichtbar an der ul. Jelenia. Der Rest ging als Baumaterial fort, nachdem die Stadt 1862 die Abbruchgenehmigung erhalten hatte – mit dem Vorbehalt, dass die beiden Tortürme bleiben.
Die ganze Gruppe hat einen einzigen Denkmaleintrag: A/4953/614, Beschluss vom 28. August 1959.
Er überdauerte, weil er aufhörte, ein Turm zu sein
Das ist der umgekehrte Fall zur Nachbarin an der ul. Jasna, die man mit einer Sammlung retten musste. Um die Turmbastei kämpfte niemand. Sie hörte schlicht rechtzeitig auf, Befestigung zu sein.
Wohnungen richtete man spätestens im 18. Jahrhundert in ihr ein – ein Teil der Quellen verlegt das ins 17. – danach ging sie in Privatbesitz über. An den steinernen Zylinder wurde ein Fachwerkbau angesetzt und in den Turm hineingeführt; so sieht es bis heute aus: halb Turm, halb Haus.
Als die Zeit der Abbrüche kam, war also nichts abzureißen. Dort stand keine Mauer, sondern jemandes Haus, mit Adresse, Fenstern und Mietern.
Postmeister, Arzt und Kaufleute
Die Wohnungen im Turm waren keine Notunterkunft für Arme – im Gegenteil. Sie bewohnten Kaufleute, der Postmeister und der Stadtarzt, also Leute aus der ersten Reihe der städtischen Gesellschaft.
Dabei lohnt es innezuhalten, denn es sagt etwas über die Stadt. Eine Adresse im einstigen Turm war angesehen: direkt an der Mauer, wenige Dutzend Schritte vom Ring, an einem Ort, der eben noch militärisch gewesen war. Ungefähr so, wie man heute in einer umgebauten Fabrik oder einem Wasserturm wohnt.
Ein Portal, das aus einem anderen Haus kam
Über dem Eingang sitzt ein barockes Portal mit der eingemeißelten Jahreszahl 1679. Es gehörte nicht zu diesem Bau – man brachte es von einem abgerissenen Haus derselben Straße hierher. Neben dem Eingang sind drei weitere barocke Details eingemauert, ebenfalls aus Häusern, die es nicht mehr gibt.
Das ist das Interessanteste an der ganzen Fassade. Dieses Gebäude ist aus den Resten seiner Nachbarn zusammengesetzt. Es blieb nicht im Ganzen erhalten – es sammelte sich zusammen, Stück für Stück, aus dem, was nach den Abbrüchen übrig war.
Die Jahreszahl 1679 stimmt also, sagt aber nicht, wann der Turm entstand. Sie sagt, wann jemandes anderes Haus entstand, von dem nur das Portal blieb.
Haus der Künstlerverbände und Redaktion der „Karkonosze“
Nach 1945 wurden im Turm kommunale Wohnungen eingerichtet. Ab den siebziger Jahren band sich das Gebäude an die Kultur: hier saßen das Haus der Künstlerverbände, die Redaktion der Monatsschrift „Karkonosze“ und später das Zentrum für Touristen- und Kulturinformation. Noch vor 2021 arbeiteten hier eine Glasmalerei-Werkstatt und ein kleines Restaurant.
Diese Liste ist im Grunde die Nachkriegsgeschichte eines Baudenkmals in einer polnischen Innenstadt im Kurzformat: Wohnungen, Institution, Touristeninformation, Gastronomie. Jede Epoche setzte in diese Mauern, was sie gerade brauchte.
Heute: übernachten in der Stadtmauer
Seit 2021 ist die Turmbastei eine Pension. Man kann darin übernachten – was sie zu einem der wenigen Orte auf dem Rundweg macht, an denen das Denkmal nicht zum Anschauen, sondern zum Benutzen da ist.
Für Vorbeigehende heißt das: das Innere steht Gästen offen, nicht Besichtigungen. Von außen gibt es ohnehin genug zu sehen – das Portal, die eingemauerten Details und die Form des Baus, an der man erkennt, wo der Turm endet und das Haus beginnt.
Was in der Nähe liegt
Die Bastei steht an der ul. Grodzka, wenige Dutzend Schritte vom Ring, in Richtung Wzgórze Krzywoustego und des einstigen Burgtors, dessen geretteter Turm die nächste Station dieses Weges ist. In der Gegenrichtung, entlang der alten Mauerlinie, erreicht man die Bastei am Schildauer Tor.
Häufige Fragen
Kann man die Turmbastei betreten? Seit 2021 wird sie als Pension betrieben, das Innere steht also Gästen offen. Von der Straße sieht man das Portal und die daneben eingemauerten Details.
Aus welcher Zeit stammt die Turmbastei? Aus dem 15. Jahrhundert, wie die übrigen Türme der inneren Mauer. Die Jahreszahl 1679 über dem Eingang gehört zum Portal, das von einem anderen, abgerissenen Haus hierher kam.
Warum blieb ausgerechnet dieser Turm stehen? Weil er rechtzeitig aufhörte, Befestigung zu sein. Man richtete Wohnungen ein und baute ein Haus an, und als im 19. Jahrhundert die Mauern fielen, stand hier keine Mauer mehr, sondern jemandes Adresse.
Wer wohnte im Turm? Kaufleute, der Postmeister und der Stadtarzt – die Adresse galt als gut, obwohl das Gebäude eben noch militärisch gewesen war.
Was sind die Details neben dem Eingang? Barocke Architekturfragmente aus umliegenden Häusern, die es nicht mehr gibt. Sie wurden neben dem Portal eingemauert; die Fassade ist damit eine Sammlung von Andenken an abgerissene Bebauung.
Wie viele Türme hatte die Hirschberger Mauer? Mehrere Dutzend. Der Historische Atlas nennt sechsunddreißig, andere Arbeiten gut zwanzig, die Turmbastei selbst achtunddreißig.
Was ist sonst von der Stadtmauer übrig? Bastei und Tor am Schildauer Tor mit der St.-Anna-Kapelle, der Burgtor-Turm sowie Mauerabschnitte in späterer Bebauung, vor allem an der ul. Jelenia. Alles zusammen – mit der Turmbastei – fällt unter einen einzigen Denkmaleintrag, Nummer A/4953/614 vom 28. August 1959.