Hirschberger Stadtroute · die kleine Route
Die Wehrmauer
Hirschberg war von einer doppelten Mauer umschlossen – kein Bild, sondern zwei getrennte Ringe mit einem trockenen Graben dazwischen und davor. Abgetragen wurden sie im 19. Jahrhundert, doch die Stadt hat ihre Form behalten: wo sie standen, verlaufen heute Straßen und Promenaden. Diese Station handelt von dem, was verschwunden ist – und davon, wo man es sucht.
Wie das gebaut war
Zuerst gab es Wälle aus Holz und Erde, und zwar wohl nur auf drei Seiten. Im Norden wurden sie gar nicht aufgeschüttet: dort verteidigte der steile Hang zum Bober hinunter.
Am Ende des 14. Jahrhunderts trat an ihre Stelle eine steinerne Mauer. Sie war bis zu acht Meter hoch und rund anderthalb Meter stark. Doppelt wurde sie erst am Ende des 15. Jahrhunderts, als ein zweiter, äußerer Ring hinzukam – viel niedriger, knapp über zwei Meter, dafür mit neun Basteien, die vor seine Linie vorsprangen. Zwischen beiden Mauern blieb ein Streifen von fünfeinhalb bis siebeneinhalb Metern.
Davor lief ein trockener Graben von dreizehn bis sechzehn Metern Breite – und am Schildauer Tor, also im Osten, weitete er sich auf 19,5 Meter. Warum ausgerechnet dort, erklärt sich vor Ort, an der siebten Station.
Drei Tore und Dutzende Türme
In die Stadt kam man durch drei Tore: das Schildauer Tor im Osten, das Burgtor im Westen und das Langgassentor im Süden. An jedem stand ein Turm – neben der Durchfahrt, nicht über ihr.
Türme gab es mehrere Dutzend. Der Historische Atlas zählt sechsunddreißig und merkt an, dass sich die Zahl über die Jahrhunderte änderte; andere Arbeiten nennen gut zwanzig. Sie standen dicht – alle zwanzig, dreißig Meter – und überragten die Mauerkrone um etwa drei Meter.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts notierte der Chronist Bartholomäus Stenus über Hirschberg den Satz, den bis heute jeder Reiseführer wiederholt: „klein ist die Stadt, doch prächtig umgürtet“.
Die Mauer als Wirtschaftsgut
Hier beginnt der Teil, über den die Reiseführer schweigen. Die Befestigung war die längste Zeit kein Militär, sondern eine Immobilie – und die Stadt nutzte sie.
Der Zwinger diente dem Magistrat für Schießwettbewerbe, ein Teil wurde als Gärten und Wiesen verpachtet. Im 18. Jahrhundert war der Graben Weide für das städtische Vieh. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war der gesamte Zwinger verpachtet und in Nutzgärten der Bürger verwandelt.
Es gab dort sogar einen Tiergarten, den Senator Hübner am steilen Hang anlegen ließ. Er bestand nur bis 1745, hinterließ aber Bäume und Sträucher – und einen Ort, zu dem man spazieren ging.
Anders gesagt: die Hirschberger hielten Kühe im Graben und zogen Kohl unter der Mauer, lange bevor die Mauer irgendjemandem im Weg war.
Warum sie verschwanden
Nicht wegen eines Krieges. Wegen des Verkehrs und des Platzes.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erwiesen sich die Tore als zu eng und wurden nacheinander verbreitert: das Schildauer 1755, das Langgassentor 1773, das Burgtor 1787. Der Graben wurde zugeschüttet, das gewonnene Gelände bebaut und bepflanzt.
Dann fielen die Tore selbst. 1833 wurde das Gewölbe des Burgtors abgerissen, 1837 das Langgassentor. Die endgültige Genehmigung zum Abbruch der Mauern erhielt die Stadt 1862 – mit einem Vorbehalt, der sich als entscheidend erwies: die Türme des Schildauer Tors und des Burgtors sollten bleiben.
An der Stelle von Graben und Wall entstanden Promenaden. Und das ist die Antwort auf die Frage, wo die Mauern heute sind: unter den Straßen, die sie umgangen haben. Die aleja Bankowa und der plac kardynała Wyszyńskiego folgen ihrem Verlauf.
Wo man sie heute findet
Vier Orte:
1. Der Burgtor-Turm an der ul. Jasna – man kann hinaufsteigen. 2. Die Turmbastei an der ul. Grodzka 16 – heute eine Pension. 3. Bastei und Tor am Schildauer Tor mit der St.-Anna-Kapelle an der ul. Konopnickiej – die größte erhaltene Gruppe. 4. Mauerstücke, die in Häuser an der ul. Jelenia eingewachsen sind – hier muss man genau hinsehen, denn die Mauer steht nicht für sich, sie ist die Wand eines fremden Hauses.
Am Burgtor hat sich außerdem die südliche Vormauer mit einer gotischen Steinkonsole erhalten.
Was in der Nähe liegt
Tafel Nummer 2 steht dort, wo die ul. Podwale auf die ul. Jelenia trifft – genau auf der nördlichen Linie der Befestigung, über der Böschung. Von hier ist es nicht weit zum Wzgórze Krzywoustego, von dem aus man sieht, wie die Stadt über dem Bober liegt – und warum im Norden die Hangkante genügte.
Häufige Fragen
Ist die Stadtmauer von Hirschberg erhalten? Nur in Teilen. Drei Bauten stehen noch – der Burgtor-Turm, die Turmbastei an der ul. Grodzka sowie Bastei und Tor am Schildauer Tor mit der Kapelle – dazu Mauerabschnitte in späterer Bebauung, vor allem an der ul. Jelenia. Die ganze Gruppe steht unter einer einzigen Denkmalnummer: A/4953/614, Beschluss vom 28. August 1959.
Wann wurde die Mauer gebaut? Die steinerne Mauer entstand wohl am Ende des 14. Jahrhunderts, die ältesten erhaltenen Teile stammen vom Beginn des 15. Der zweite, äußere Ring kam am Ende des 15. Jahrhunderts hinzu – erst dann war die Mauer doppelt.
Wie viele Tore hatte die Stadt? Drei: das Schildauer Tor im Osten, das Burgtor im Westen und das Langgassentor im Süden.
Warum wurden die Mauern abgetragen? Weil sie militärisch bedeutungslos geworden waren und Verkehr wie Wachstum der Stadt behinderten. Die Tore wurden schon im 18. Jahrhundert verbreitert, die Genehmigung für den gesamten Abbruch kam 1862.
War der Graben mit Wasser gefüllt? Nein, er war trocken. Im 18. Jahrhundert weidete dort das städtische Vieh.
Wo verlief die Mauerlinie? Straßen und Promenaden folgen ihrem Verlauf – unter anderem die aleja Bankowa und der plac kardynała Wyszyńskiego.