Hirschberger Stadtroute · die kleine Route
Burgtor-Turm
Er steht an der ul. Jasna und sieht aus wie ein vergessener Rest. Es ist umgekehrt: er ist der einzige Teil des Burgtors, der überdauert hat, weil sich jemand für ihn eingesetzt hat. 1836 bot die Stadt den Turm zum Verkauf an, mit Abbruch im Sinn, und die Einwohner legten für seine Rettung zusammen. Im damaligen preußischen Schlesien war das ein Einzelfall – deshalb bedeutet dieser Turm mehr, als man ihm ansieht.
Das Tor, das es nicht mehr gibt
Hirschberg hatte drei Tore: das Burgtor im Westen, das Schildauer Tor im Osten und das Langgassentor im Süden. Das Burgtor lag an der Straße zur Burg auf dem heutigen Wzgórze Krzywoustego – daher der Name. Von ihm führten gleich zwei Straßen zum Ring, was einiges über den Verkehr sagt, der hier durchging.
Das Tor ist seit fast zweihundert Jahren verschwunden. Geblieben ist der Turm – derselbe, an dem die Glocke hing, die die Stunde der Torschließung ausrief.
Ein Brand, drei Maurer und das Datum auf der Wetterfahne
1549 vernichtete ein großer Brand fast ganz Hirschberg; in drei Stunden erfasste er alles innerhalb der Mauern. Auch der Turm brannte. Ein Jahr später stürzte die Konstruktion bei der Reparatur ein und erschlug drei Maurer. Der neue Turm entstand erst 1584 – und genau dieses Datum steht auf der metallenen Wetterfahne an der Spitze, zusammen mit einem Hirsch, dem Wappentier der Stadt.
Man sollte von unten hinaufschauen. Das ist kein Schmuck für Touristen, sondern eine Unterschrift unter den Wiederaufbau, gesetzt von Leuten, die wussten, was er gekostet hatte – auch wenn die Fahne seither ausgetauscht worden sein mag, denn 1836 wurde die gesamte Bekrönung erneuert.
Wie der Turm gebaut ist
Der untere Teil ist zylindrisch, im Erdgeschoss 7,57 Meter im Durchmesser, die Mauern sind dort über anderthalb Meter stark. Innen liegen fünf Geschosse. Im dritten und vierten sieht man kreuzförmige Schießscharten – nach städtischen Unterlagen für den Beschuss mit kleinen Geschützen eingerichtet, nicht nur für Handwaffen.
Der obere, achteckige Teil ist ein Aufbau des 19. Jahrhunderts, 1836 zusammen mit der Aussichtsterrasse hinzugefügt. Der Turm ist also unten Renaissance und oben Neugotik – gut zu wissen, bevor man mit erhobenem Kopf davorsteht.
Wie mancher Turm dieses Systems diente er auch als Gefängnis, neben seiner Rolle als Pulver- und Waffenlager. In einer mittelalterlichen Stadt war das normal: ein Wehrbau stand die meiste Zeit leer, also fand man eine Verwendung.
1833: das Gewölbe fällt. 1836: die Stadt will den Turm verkaufen
Seit dem späten 18. Jahrhundert wurden die Mauern Stück für Stück abgetragen – militärisch bedeutungslos geworden, standen sie dem Wachstum der Stadt im Weg. 1833 wurde das Gewölbe des Tores abgerissen und die Durchfahrt dabei verbreitert.
Drei Jahre später kam der Rest an die Reihe. Torgebäude und Turm wurden zum Verkauf ausgeschrieben, der Abbruch war wegen des schlechten Zustands geplant. Und dann geschah etwas, was man im preußischen Schlesien jener Zeit eigentlich nicht tat: die Einwohner protestierten und organisierten eine Geldsammlung.
Der Grund ist genau überliefert. Der Turm galt als Zierde der Stadt und als wichtiger Teil ihrer Silhouette von Nordwesten – vor allem im Blick vom heutigen Wzgórze Krzywoustego und von der sogenannten Goldenen Aussicht. Verteidigt wurde also kein Denkmal im heutigen Sinn, sondern das Panorama der eigenen Stadt.
Es blieb bei der Abnahme der beschädigten Bekrönung, die einzustürzen drohte. An ihre Stelle trat eine neugotische Zinnenreihe um die Aussichtsterrasse, die Kuppel wich einem Dach. Damals wurde auch ein Eingang auf Straßenhöhe gebrochen – zuvor betrat man den Turm von der Mauerkrone aus, etwa in Höhe des ersten Obergeschosses.
Warum das mehr ist, als es aussieht
Die Historiker des Historischen Atlas der polnischen Städte nennen diese Aktion einen im damaligen preußischen Schlesien vereinzelten Fall wirksamen Handelns von Liebhabern der Zeugnisse der Vergangenheit und eine Vorankündigung der entstehenden Denkmalpflege.
Anders gesagt: das ist keine Geschichte über einen Turm. Es ist die Geschichte des Augenblicks, in dem den Bewohnern einer mittelgroßen Stadt zum ersten Mal einfiel, dass ein altes Gebäude Geld wert sein könnte, gerade weil es alt ist.
Dass dieser Reflex nicht selbstverständlich war, zeigt die Nachbarin. Das Langgassentor wurde ein Jahr später, 1837, abgerissen – unter demselben Vorwand des schlechten Bauzustands. Niemand setzte sich für es ein, und es ist nichts von ihm übrig.
Selbst als die Stadt 1862 endlich die Genehmigung zum vollständigen Abbruch der Mauern erhielt, wurde darin die Erhaltung zweier Türme festgeschrieben: des Schildauer Tors und des Burgtors. Die Sammlung von vor einem Vierteljahrhundert hatte verschoben, was als selbstverständlich galt.
Drei Generationen bester Aussichtspunkt der Stadt
Ab 1836 hatte der gerettete Turm eine neue Aufgabe und behielt sie fünfundsiebzig Jahre – bis 1911, als auf dem Wzgórze Krzywoustego ein neuer Aussichtsturm mit weiterem Blick aufs Riesengebirge entstand. Mithalten konnte er nicht, und er konnte es nie: er steht mitten in der Stadt, zwischen den Dächern.
Und genau deshalb lohnt sich heute der Aufstieg. Vom Wzgórze Krzywoustego sieht man die Berge, von hier sieht man die Stadt aus der Nähe – Dächer, Schornsteine, Kirchtürme. Zwei verschiedene Bilder, nicht zwei Fassungen desselben.
Was man vor dem Aufstieg wissen sollte
Der Eintritt ist frei. Geöffnet ist saisonal: im Winter kürzer, im Sommer am längsten – meist von zehn bis sechzehn Uhr zwischen November und März, in der Hauptsaison bis neunzehn Uhr. Die Zeiten ändern sich, man prüft sie besser vorher; die Stadt gibt für dieses Objekt eine Telefonnummer an.
Drinnen warten steile Treppen und fünf Geschosse – nichts für einen Kinderwagen und nichts für jemanden, der schlecht mit Höhe zurechtkommt.
Der Turm wurde 2010–2011 grundlegend saniert: der Putz wurde bis auf den Stein abgeschlagen, ein zweiter Zugang mit einer offenen Treppenkonstruktion und eine Aussichtsplattform kamen hinzu. Damals wurde oben auch ein tastbares Panorama von Hirschberg für blinde und sehbehinderte Besucher angebracht – etwas, das in keinem Reiseführer steht.
Was in der Nähe liegt
Der Turm steht am Westrand der Altstadt, wenige Minuten vom Ring. In dieselbe Richtung führt der Weg zum Wzgórze Krzywoustego – zu jenem Turm also, der ihm 1911 die Besucher abnahm. In die Gegenrichtung, entlang der einstigen Mauerlinie, gelangt man zum zweiten geretteten Torturm, dem am Schildauer Tor.
Häufige Fragen
Kann man den Burgtor-Turm besteigen? Ja, der Eintritt ist frei. Geöffnet ist saisonal – im Winter bis sechzehn, im Sommer bis neunzehn Uhr. Die Zeiten wechseln, also vorher prüfen.
Aus welchem Jahr stammt der Turm? Der heutige wurde 1584 errichtet, nachdem der vorige im Stadtbrand von 1549 ausgebrannt und ein Jahr später bei der Reparatur eingestürzt war. Der achteckige Aufbau, die Zinnen und die Terrasse stammen aber aus dem Umbau von 1836.
Steht er unter Denkmalschutz? Ja, aber nicht einzeln: er gehört zum Komplex der Stadtmauer, eingetragen unter der Nummer A/4953/614, Beschluss vom 28. August 1959.
Was ist mit dem Tor selbst geschehen? Das Gewölbe wurde 1833 abgerissen, um die Durchfahrt zu verbreitern. Drei Jahre später war das Torgebäude zum Abbruch bestimmt. Von der ganzen Anlage blieb nur der Turm.
Wer hat den Turm gerettet? Die Einwohner. Als die Stadt ihn 1836 zum Verkauf stellte, hielten ein Protest und eine organisierte Sammlung ihn aufrecht. Abgenommen wurde nur die beschädigte Bekrönung.
Warum sitzt ein Hirsch auf dem Turm? Der Hirsch ist das Wappentier von Hirschberg. Die metallene Wetterfahne mit seiner Gestalt und der Jahreszahl 1584 erinnert an den Abschluss des Wiederaufbaus.
Sieht man vom Turm das Riesengebirge? Man sieht es, aber über die Dächer hinweg – deshalb verlor er 1911 seine Besucher an den Turm auf dem Wzgórze Krzywoustego. Vom Burgtor aus betrachtet man vor allem die Altstadt.
Wozu diente der Turm außer zur Verteidigung? Zum Bewachen und zum Strafen: an ihm hing die Glocke, die die Torschließung ausrief, und im Inneren war zeitweise das Stadtgefängnis.