Hirschberger Stadtroute · die große Route · Sobieszów
Schloss Hermsdorf und Nationalpark-Zentrum
Der Kynast brannte 1675 und kehrte nie in die Rolle des Stammsitzes zurück. Die Schaffgotsch taten daraufhin das Einfachste: sie stiegen vom Berg herab und bauten ein neues Haus an seinem Fuß. So entstand das Schloss in Hermsdorf – und mit ihm die Bibliothek, aus der nach zwei Jahrhunderten und vier Umzügen das Naturkundemuseum in Bad Warmbrunn wurde.
Burg auf dem Berg, Schloss im Tal
Die Burg Kynast war jahrhundertelang Sitz des Geschlechts, doch der Brand von 1675 beendete ihre Laufbahn als Wohnort. Statt eine Wehranlage auf einem steilen Felsen wieder aufzubauen, errichteten die Schaffgotsch eine Residenz im Tal.
Den Bau beauftragte Johann Anton von Schaffgotsch (1675–1742) im Jahr 1705, geleitet hat ihn der Baumeister Elias Scholze aus Bunzlau. Die Arbeiten endeten 1712. Das neue Schloss übernahm die Rolle des Hauptsitzes – von der Burg blieb der Blick aus dem Fenster.
Warum die Burg nicht wieder aufgebaut wurde
Am 31. August 1675 setzte ein Blitz den Kynast in Brand, und die Burg brannte aus. Wieder aufgebaut wurde sie nie – und nicht aus Geldmangel, denn das Geschlecht gehörte zu den vermögendsten Schlesiens.
Der Grund ist einfacher: eine Wehranlage auf einem Granitfelsen wurde von niemandem mehr gebraucht. Verteidigung hatte ihren Sinn verloren, und auf einem Gipfel zu wohnen, auf den alles hinaufgetragen werden muss, war im 17. Jahrhundert eine Last und kein Prestige. Das Prestige zog in eine Residenz im Tal – mit Garten, mit einer Kutsche vor der Tür und mit Platz für eine Bibliothek.
Der Kynast wurde also eine Ruine mit Aussicht, und die Schaffgotsch wohnten vierhundert Meter tiefer. Aus den Schlossfenstern sieht man den Berg, auf dem ihr vorheriger Sitz stand – ein deutlicheres Bild für einen Epochenwechsel gibt es kaum.
Die Bibliothek, die von hier ausging
Das ist die interessanteste Spur dieses Ortes, und von außen sieht man sie nicht. Johann Anton brachte im neuen Schloss die Familienbibliothek unter und daneben ein Kuriositätenkabinett – eine Sammlung seltsamer Dinge, die Gäste in Erstaunen versetzen sollte.
In den 1820er Jahren wurden Bibliothek und Sammlungen nach Warmbrunn gebracht. Dort wanderten sie von Gebäude zu Gebäude, nach dem Krieg wurden sie verkleinert, und was vom naturkundlichen Teil blieb, steht heute im ehemaligen Zisterzienserkloster als Naturkundemuseum. Hermsdorf ist also die Adresse, an der diese ganze Wanderung begann.
Sommerresidenz, Gericht, Schule
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts zog das Geschlecht nach Warmbrunn, und das Schloss sank zur Sommerresidenz herab. Danach fiel es in der Hierarchie noch weiter: man überließ es dem Gutsverwalter und dem Landgericht.
Das längste Nachkriegskapitel ist die Schule. Bis 2012 war hier die Landwirtschafts- und Agrotourismus-Schule untergebracht, mehrere Generationen von Hirschbergern kennen dieses Gebäude also nicht als Schloss, sondern als den Ort, an dem sie zum Unterricht gingen.
2013–2023: zehn Jahre bis zur Rückkehr
Am 14. August 2013 wurde das Gebäude dem Riesengebirgs-Nationalpark übergeben. Von der Entscheidung bis zur Eröffnung vergingen fast zehn Jahre, und die Sanierung in Zahlen sieht so aus: 51 500 Dachziegel, knapp 6 Tonnen Sandstein für Böden und Treppen, fast 600 Tonnen Bauschutt aus den Kellern abgefahren. Die Arbeiten am Schloss und am benachbarten Gärtnerhaus kosteten über 17,5 Millionen Złoty.
Am 28. April 2023 wurde das Natur- und Bildungszentrum für Besucher geöffnet.
Auch die Verwaltung des Parks zog in das Schloss. Die Direktion saß zuvor in der Chałubińskiego-Straße 23, in der einstigen Villa Elisabeth – einem Gebäude vom Anfang des 20. Jahrhunderts, das jahrelang die Adresse des Riesengebirgs-Nationalparks war. Heute lautet die Adresse des Parks Cieplicka 196, also dieses Schloss. Die Villa in der Chałubińskiego-Straße 23 ist nicht mehr Sitz des Riesengebirgs-Nationalparks.
Was drinnen ist
Es gibt zwei Dauerausstellungen, und jede erzählt etwas anderes.
„Das klimatische Riesengebirge“ ist der naturkundliche Teil – darüber, was die Berge sind, die man aus den Fenstern sieht, und was mit ihnen geschieht.
„Schloss Hermsdorf“ nimmt rund 550 Quadratmeter in acht Themenräumen ein und erzählt Geschichte und Genealogie der Familie Schaffgotsch. Eine seltene Lage: ein Gebäude, das ihr Zuhause war, erzählt nun von ihnen – an dem Ort, an dem die Familienbibliothek begann.
Das ist nicht nur das Schloss
Beim Blick über das Gelände lohnt zu wissen: was der Park übernahm, ist eine Gebäudegruppe, kein einzelner Bau. Zusammen mit dem Schloss wurde das Gärtnerhaus saniert – und dessen Kosten sind in den über 17,5 Millionen Złoty mitgerechnet. Gesondert ging der Speicher in die Sanierung, und der Park kündigte eine weitere Etappe an: den Umbau des einstigen Internats zu Übernachtungsplätzen.
Eine solche Anlage – Residenz plus Wirtschafts- und Wohngebäude für das Personal – ist typisch für schlesische Güter und zerfällt nach dem Krieg meist in getrennte Eigentümer. Hier blieb sie ganz, weil sie jahrzehntelang eine Einrichtung zusammenhielt: die Schule. Ein seltener Fall, in dem die Nachkriegsverstaatlichung die räumliche Ordnung rettete, statt sie zu zersplittern.
Vier Adressen eines Geschlechts in Gehweite
Auf dieser Route kommt man an aufeinanderfolgenden Kapiteln derselben Geschichte vorbei.
Der Kynast – Sitz bis zum Brand von 1675. Das Schloss in Hermsdorf – das gleich danach gebaute Haus und der Ort, an dem die Bibliothek entstand. Das Palais in Warmbrunn – wohin das Geschlecht Ende des 18. Jahrhunderts zog. Die ehemalige Zisterzienseranlage in Warmbrunn – wo die Sammlungen heute stehen.
Was zu sehen ist
Das Zentrum ist eine tätige Einrichtung des Riesengebirgs-Nationalparks mit kostenpflichtigen Ausstellungen – aktuelle Besuchsinformationen prüft man am besten vor der Anreise. Gebäude und Umgebung kann man jederzeit von außen ansehen, und dabei sieht man auch das Gärtnerhaus und die übrigen Bauten des ehemaligen Guts, die der Park zusammen mit dem Schloss saniert hat.
Es ist auch der natürliche Ort für eine Pause: man ist in der Mitte des Hermsdorfer Abschnitts, zwischen zwei Kirchen, und von hier beginnt der Aufstieg zum Kynast.
Häufige Fragen
Wer baute das Schloss in Hermsdorf?
Johann Anton von Schaffgotsch, 1705–1712. Die Arbeiten leitete der Baumeister Elias Scholze aus Bunzlau.
Warum baute das Geschlecht ein Schloss, wo es doch eine Burg hatte?
Weil der Kynast 1675 ausbrannte und als Wohnsitz nicht mehr taugte.
Was ist heute im Schloss?
Das Natur- und Bildungszentrum des Riesengebirgs-Nationalparks, eröffnet am 28. April 2023, mit den Ausstellungen „Das klimatische Riesengebirge“ und „Schloss Hermsdorf“.
Was war hier vor dem Park?
Bis 2012 die Landwirtschafts- und Agrotourismus-Schule. Das Gebäude wurde dem Park am 14. August 2013 übergeben.
Stammen die Sammlungen des Warmbrunner Naturkundemuseums von hier?
Ja, in direkter Linie. Die Familienbibliothek der Schaffgotsch entstand in diesem Schloss und wurde in den 1820er Jahren nach Warmbrunn gebracht.