Hirschberger Stadtroute · die große Route · Sobieszów
Herz-Jesu-Kirche
Als die Protestanten von Hermsdorf 1744 mit dem Bau ihrer Kirche begannen, fasste der Gemeinderat einen Beschluss, der über jene Zeit mehr sagt als manches Lehrbuch: das Gotteshaus solle so entstehen, dass sich daraus notfalls ein Kaufhaus oder ein Wohnhaus machen ließe. Daher der rechteckige Grundriss, die kleinen Fenster in zwei Reihen und das Mansarddach. Eine Kirche, die aussieht wie ein solides Bürgerhaus, weil sie eines werden können musste.
Eine Erlaubnis, die mit dem neuen Staat kam
Hundert Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg hatten es die schlesischen Protestanten mit dem Kirchenbau sehr schwer. Das änderte sich, als Schlesien von den Habsburgern an Preußen fiel: am 13. Oktober 1741 erhielt die evangelisch-augsburgische Gemeinde in Hermsdorf die Erlaubnis zum Bau eines Bethauses.
Die Entscheidung fiel schnell, die Vorsicht blieb. Eine Gemeinde, die wusste, wie leicht solche Erlaubnisse zurückgenommen wurden, sicherte sich auf dem einzigen verfügbaren Weg ab – über den Entwurf. Das Gebäude sollte sich in etwas Weltliches umbauen lassen, falls die Politik wieder umschlüge.
Drei Wellen evangelischer Kirchen in Schlesien
Diese Kirche gehört zu einer Reihe, die die ganze religiöse Landkarte der Region erklärt – und die sich auf diesen Routen abgehen lässt.
Die erste Welle waren die Friedenskirchen, dem Kaiser im Westfälischen Frieden abgerungen: drei für ganz Schlesien, außerhalb der Stadtmauern, aus Holz und Lehm, ohne Turm. Die zweite waren die Gnadenkirchen, sechs Gotteshäuser, denen Kaiser Joseph I. nach der Altranstädter Konvention vom 1. September 1707 zustimmte. Eine davon steht in Hirschberg und ist ein Punkt der kleinen Route.
Die dritte Welle kam mit dem Wechsel des Staates. Nach der Besetzung Schlesiens durch Preußen waren Genehmigungen keine dem Kaiser abgetrotzte Gnade mehr, sondern eine gewöhnliche Verwaltungsentscheidung. Die Hermsdorfer Gemeinde bekam ihre am 13. Oktober 1741 – kaum ein Jahr nach dem Einmarsch der preußischen Truppen.
Der Unterschied ist an den Gebäuden zu sehen. Die Gnadenkirche in Hirschberg ist ein mächtiger Bau über kreuzförmigem Grundriss, errichtet mit dem Schwung derer, die sechzig Jahre darauf gewartet hatten. Das Hermsdorfer Bethaus ist bescheiden und unauffällig – weil es in Eile entstand, vom Geld einer kleinen Dorfgemeinde und in dem Gedanken, dass man es vielleicht einmal einem Laden überlassen müsste.
Hermsdorf war schneller als Warmbrunn
Eine Einzelheit, die in Beschreibungen einzelner Objekte fehlt: die Protestanten von Hermsdorf hatten ihre Erlaubnis früher als die von Warmbrunn. Ihre datiert vom 13. Oktober 1741, während die Lutheraner von Warmbrunn ihre Bittschrift an Friedrich II. erst im Dezember schickten und die Zustimmung am 29. Dezember 1741 erhielten.
Danach trennten sich die Wege. Warmbrunn stellte zuerst eine hölzerne Kirche auf, schon Anfang 1742 geweiht, und wartete auf die massive Erlöserkirche bis 1774–1777. Hermsdorf machte es umgekehrt: es baute sofort massiv, nur klein – und war in anderthalb Jahren fertig.
1744–1745: anderthalb Jahre Arbeit
Am 12. Juni 1744 wurde der Grundstein gelegt. Die Maurerarbeiten leitete Meister Georg Porrmann, die Zimmererarbeiten Gottfried Mattern aus Zachełmie. Am 19. Dezember 1745 fanden Weihe und erster Gottesdienst statt.
Für jene Zeit ein Eiltempo: anderthalb Jahre vom Grundstein bis zur ersten Messe. Aber es wurde auch schlicht gebaut – ohne Turm, ohne aufwendige Gliederung, mit einer hölzernen Innenkonstruktion auf Lärchensäulen.
Ein Gewölbe, auf das man dreißig Jahre warten musste
Das Interessanteste in dieser Kirche entstand lange nach ihrer Weihe. Das Gewölbe wurde erst 1777 fertiggestellt und dann mit illusionistischer Malerei überzogen – Malerei, die Architektur vortäuscht und die Decke zum Himmel hin öffnet.
Drei Szenen sind dort zu sehen: musizierende Engel über der Empore, die Apotheose Christi im Mittelteil und die Anbetung des Heiligen Kreuzes. Die Malerei hat eine überraschende Eigenschaft: man weiß nicht, wer sie geschaffen hat. Die Quellen sprechen übereinstimmend von einem „unbekannten Maler“, obwohl es das auffälligste Element des Innenraums ist.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Malerei übermalt – die Stilmerkmale zeigen es. Seit 1945 gab es keine Restaurierung, und dennoch hält sie sich recht gut.
Emporen, ein Glasfenster und die übrige Ausstattung
Die evangelische Gemeinde baute den Innenraum das ganze 19. Jahrhundert hindurch aus. 1817 erhielt die Kirche Emporen – in einem evangelischen Bethaus etwas Grundlegendes, denn sie bringen mehr Gläubige näher an die Kanzel. Seit 1861 ist ein kleines Glasfenster „Kreuzigung“ zwischen den Säulen ein Schmuck des Raumes.
1946: zwei Kirchen tauschen die Rollen
Das ist der Moment, der das heutige Hermsdorf erklärt. 1946 übernahm die römisch-katholische Pfarrei das einstige Bethaus – dieselbe, die sich seit Jahrhunderten um die Kirche des heiligen Martin einige hundert Meter weiter kümmerte. Der Neuzugang bekam das Patrozinium Herz Jesu.
Seither gilt eine Ordnung, die Auswärtige oft verwirrt: die Pfarrei heißt nach dem heiligen Martin, die Hauptkirche aber ist Herz Jesu. Die mittelalterliche Kirche, sechshundert Jahre lang die wichtigste des Ortes, wurde zur zweiten.
Was nach dem Krieg getan wurde
Die Pfarrer nahmen sich das Gebäude nacheinander vor. Pfarrer Antoni Kamiński führte in den 1960er und 1970er Jahren Arbeiten aus, Pfarrer Kazimierz Medyka erneuerte Anfang der 1970er den Innenraum, und 1976 wurde der Umbau des Chores abgeschlossen. 1993 wurde der Dachreiter restauriert, ein neues Kreuz aus rostfreiem Stahl schuf Stefan Stefanowicz.
Was zu sehen ist
Von außen sieht man sofort, wovon die ganze Geschichte dieses Ortes handelt: der Baukörper sieht nicht nach Kirche aus. Ein Rechteck, zwei Reihen kleiner Fenster, ein Mansarddach – ohne den Dachreiter könnte man das Gebäude für einen Gutshof oder ein großes Bürgerhaus halten. Das ist kein fehlender Einfall des Architekten, sondern die in Mauern geschriebene Vorsicht einer Gemeinde, die nicht glaubte, dass die Erlaubnis von 1741 für immer gilt.
Drinnen lohnt der Blick nach oben: das Gewölbe von 1777 ist der Grund, überhaupt hineinzugehen. Der Innenraum ist eine tätige Pfarrkirche, besichtigt wird also außerhalb der Gottesdienste.
Häufige Fragen
Warum sieht die Kirche nicht wie eine Kirche aus?
Weil sie absichtlich so gebaut wurde. Der Gemeinderat beschloss 1744, das Gebäude solle sich in ein Kaufhaus oder ein Wohnhaus umwandeln lassen, falls die Erlaubnis für das Bethaus zurückgenommen würde.
Wann entstand sie?
Der Grundstein wurde am 12. Juni 1744 gelegt, die Weihe fand am 19. Dezember 1745 statt.
Was ist auf dem Gewölbe?
Illusionistische Malerei von 1777: musizierende Engel über der Empore, die Apotheose Christi und die Anbetung des Heiligen Kreuzes. Der Urheber bleibt unbekannt.
Warum heißt die Pfarrei nach dem heiligen Martin und die Kirche anders?
Weil 1946 die katholische Pfarrei St. Martin das einstige evangelische Bethaus übernahm und ihm das Patrozinium Herz Jesu gab. Der Name der Pfarrei blieb bei der älteren Kirche.
Ist das die älteste Kirche in Hermsdorf?
Nein. Die älteste ist die Martinskirche, deren Geschichte bis an den Anfang des 14. Jahrhunderts reicht.