Die Sage von der grausamen Kunigunde auf Burg Kynast
Hoch über dem Tal, auf dem Gipfel eines steilen, bewaldeten Berges, steht seit Jahrhunderten die Burg Chojnik – auf Deutsch Kynast. Ihre Mauern wachsen unmittelbar aus dem Fels, und im Südosten fallen sie in einer hundertfünfzig Meter tiefen Wand in einen Abgrund, den die Menschen das Höllental nannten. Hier spielte sich die berühmteste aller Riesengebirgssagen ab – die Geschichte der schönen, grausamen Kunigunde.
Man sagt, die Herrin des Kynast sei das schönste Mädchen im ganzen Herzogtum gewesen. Ihr Haar war wie Flachs, ihre Augen wie Bergseen, und ihre Haltung so stolz, dass mancher Ritter schon bei ihrem Anblick den Kopf verlor. Aus fernen Landen kamen die Freier – mächtige Herren, ruhmbedeckte Ritter, junge Männer mit heißem Herzen. Jedem lächelte Kunigunde süß zu, und jedem stellte sie dieselbe Bedingung.
„Ich werde den heiraten", sagte sie, „der in voller Rüstung, auf seinem Ross, einmal um die Mauern meiner Burg reitet. Wer sie umrundet und zum Tor zurückkehrt, dem gebe ich meine Hand und das ganze Land des Kynast."
Es klang wie ein Spiel für einen kühnen Reiter. Doch wer hinaufstieg und hinabsah, erbleichte. Die Mauer verlief auf der äußersten Kante des Felsens, schmal wie ein Pfad, und auf der einen Seite klaffte der bodenlose Abgrund. Ein Straucheln des Pferdes, ein Stein, der unter dem Huf wegrutschte – und der Reiter stürzte ins Höllental, aus dem niemand zurückkehrte.
Und doch versuchten sie es. Einer nach dem anderen ritt auf die Mauer, getrieben von Liebe oder Hochmut, und einer nach dem anderen kam im Abgrund um. Kunigunde sah vom Turm aus zu, ohne eine Träne, ohne ein Zucken im Gesicht – als wäre der Tod tapferer Männer nur ein Schauspiel zu ihrer Belustigung. Im Tal sprach man mit Grauen von ihr: Ihr Herz ist aus Stein, härter als der Fels, auf dem ihre Burg steht.
Bis eines Tages ein Ritter zum Kynast kam, wie man ihn hier noch nicht gesehen hatte – ruhig, seiner selbst sicher, mit klarem Blick. Er hörte die Bedingung, nickte und bestieg wortlos sein Pferd. Die ganze Burg hielt den Atem an. Der Ritter ritt auf die Mauer und zog am Rand des Abgrunds entlang – langsam, gleichmäßig, als ritte er auf breiter Straße. Die Hufe klangen auf dem Stein, der Wind zerrte am Mantel, und er umrundete den Turm, nahm die schlimmste Kehre über der Wand und ritt ruhig zum Tor zurück. Er hatte das Unmögliche vollbracht.
Kunigunde sprang auf, triumphierend, und streckte ihm die Hände entgegen – endlich war der Eine gefunden, ihrer würdig. Doch der Ritter stieg nicht ab. Er sah sie kalt an und sprach, dass alle es hörten:
„So viele tapfere Männer starben hier für deine Eitelkeit, und du sahst ihrem Tod mit einem Lächeln zu. Ich will weder dich noch deine Burg. Dein Herz ist schlimmer als dieser Abgrund."
Damit wandte er sein Pferd und ritt davon, ohne sich umzusehen. Kunigunde blieb allein zurück – zum ersten Mal in ihrem Leben gedemütigt, vor dem ganzen Hof. Man sagt, diesen Hochmut habe sie nicht ertragen: Sie lief auf die Mauer, an dieselbe Stelle über dem Abgrund, wo so viele Ritter umgekommen waren, und stürzte sich selbst ins Höllental. So endete die grausame Herrin des Kynast.
Und die Burg steht bis heute. Wenn du auf ihren Mauern stehst und in den Abgrund blickst, glaubt man leicht, der Wind, der hier zwischen den Steinen pfeift, sei noch immer das Echo jenes alten, steinernen Stolzes.
Häufige Fragen
Wie lautet die Sage der Burg Kynast (Chojnik)?
Sie erzählt von der schönen, grausamen Burgherrin Kunigunde, die nur den heiraten wollte, der in Rüstung den Mauerkranz über dem Abgrund umritt. Viele Ritter starben; als einer es schaffte, verweigerte er ihre Hand, empört über ihre Grausamkeit, und die gedemütigte Kunigunde stürzte sich ins Höllental.
Hat Kunigunde wirklich gelebt?
Nein – sie ist eine Sagengestalt und in den Quellen nicht belegt. Real sind hingegen die Burg Kynast selbst und ihre rund 150 Meter hohe Wand über dem Höllental, die zur Kulisse der Sage wurde.
Wo liegt die Burg Chojnik?
Auf dem Gipfel des Berges Chojnik (627 m) über Sobieszów (Hermsdorf), einem Stadtteil von Jelenia Góra (Hirschberg) im Riesengebirge. Heute eine Ruine mit PTTK-Hütte und Aussichtspunkt.