Rübezahl, der Berggeist – eine Sage des Riesengebirges
Hoch im Riesengebirge, über den Wäldern und Almen, herrscht seit undenklichen Zeiten der Berggeist – der launische Herr der Gipfel, den die Polen Liczyrzepa, die Deutschen Rübezahl und die Tschechen Krakonoš nennen. Er kann jede Gestalt annehmen: einen Mönch, einen Köhler, einen alten Jäger mit dem Stab – und wenn er zürnt, lässt er Sturm, Nebel und Hagel los. Ehrlichen Menschen ist er gewogen; die Hochmütigen und Spötter bestraft er. Am wenigsten aber erträgt er, dass man sich über seinen Namen lustig macht – und dieser Name hat seine Geschichte.
Man sagt, vor langer Zeit habe der Berggeist eine Prinzessin von Schweidnitz beim Bade in einem Bergsee erblickt und sich rettungslos verliebt. Er entführte sie in seinen unterirdischen Zaubergarten tief in den Bergen, wo Blumen zu jeder Jahreszeit blühten und Schätze glänzten. Er gab ihr alles, was sie begehrte – doch die Prinzessin sehnte sich nach der Heimat und nach Menschen.
Um sie zu erheitern, gab ihr der Berggeist einen Zauberstab, mit dem sie gewöhnliche Rüben vom Feld in lebendige Gefährten verwandeln konnte. Doch jeder von ihnen welkte und verging wie ein aus der Erde gerissenes Gemüse. Da ersann die listige Prinzessin einen Plan.
„Geh aufs Feld", bat sie ihn, „und zähle mir jede einzelne Rübe, damit ich weiß, wie viele Gefährten ich noch haben kann."
Der Berggeist, begierig ihr zu gefallen, ging gehorsam hinaus und begann zu zählen: eine Rübe, eine zweite, eine dritte... Und da der Rüben unzählige waren und ihm manche entglitten, fing er wieder und wieder von vorn an. Unterdessen verwandelte die Prinzessin eine der Rüben in ein schnelles Pferd und sprengte aus den Bergen heimwärts. Als der Berggeist endlich seine Zählung beendet hatte und zurückkehrte – waren die Gemächer leer.
Er geriet in einen Zorn, der die Gipfel erschütterte. Und die Menschen in den Tälern, die hörten, wie der mächtige Herr der Berge auf einem Feld Rüben gezählt hatte, gaben ihm einen Spottnamen: Rübezahl. Daraus prägte viele Jahrhunderte später der Schriftsteller Stanisław Bełza den polnischen Namen Liczyrzepa. Und darum erträgt es der Berggeist bis heute nicht, so genannt zu werden – wer seine Gunst will, spreche von ihm mit Achtung: dem Herrn der Berge.
Häufige Fragen
Wer ist Rübezahl (Liczyrzepa)?
Er ist der sagenhafte Berggeist, Herr des Riesengebirges – Rübezahl auf Deutsch, Krakonoš auf Tschechisch. In den Sagen hilft er ehrlichen Wanderern und bestraft die Hochmütigen und jene, die ihn verspotten.
Woher kommt der Name Rübezahl (Liczyrzepa)?
Den polnischen Namen prägte der Schriftsteller Stanisław Bełza 1898 als Übersetzung des deutschen Rübezahl. Eine scherzhafte Sage vom Rübenzählen erklärt ihn, doch der wahre Ursprung des Wortes bleibt ungewiss.
Wo herrscht der Berggeist?
Im Riesengebirge, zu beiden Seiten der polnisch-tschechischen Grenze. Es ist die bekannteste Sage dieser Berge.